Archive for Juni, 2010

Der unechte Diamant

Einst fand ich einen Diamanten. Glänzend und schön. Und plötzlich war ich steinreich. Glücklich.

Jedoch stellte sich dieser “Diamant” einige Wochen später als unecht heraus und ich wurde ärmer als zuvor…

(John T.)

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Dummheit

Es ist nicht die Kunst, andere mit ihren Waffen zu schlagen. Viel eher sind sie mit ihrer eigenen Dummheit zu besiegen.

(John T.) 16.06.10

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Begraben. Akt III - Horror

herzblut

So gegen drei Uhr nachts, als meine Gewissheit immer reiner und ich immer unruhiger werden, beginne ich abermals nach Simons Spuren im Internet zu recherchieren und stoße doch tatsächlich auf zwei dbna Profile von ihm. Eines scheint schon länger inaktiv, das Andere hat er erst letzten Abend benutzt. Sehr schnell habe ich auch das Passwort und logge mich ein. Als ich dann in seinen Nachrichten die Verläufe der letzten beiden Tage sehe, wird mir schwarz vor Augen.

Er gibt sich als Single aus und macht massenhaft fremden Typen die heißesten Komplimente, versucht mit ihnen zu daten und gibt fast jedem seine Handynummer. Gegen Mittags, als er angeblich wie immer nach der Arbeit schlief, schlief er gar nicht. Während ich seine Hilfe brauchte und in Günzburg stand, flirtete er mit einem Typen aus Lauingen, verabredete sich für Mittwoch. Jetzt wird mir alles klar. Das Puzzle ist zusammen. Mein Gefühl hatte mich nicht im Stich gelassen. Mein Puls schnellt in schwindelerregende Höhen und meine Nerven machen, was sie wollen.

Nein! Nein! Du Idiot! Du dummer dummer Mensch!” rufe ich laut um kurz nach drei Uhr nachts. Ich schreibe ihm eine SMS, dass er mich nun endgültig verloren hat. Gegen halb vier falle ich erschöpft und missgelaunt ins Bett.

Am nächsten Morgen erhalte ich eine SMS von ihm. Ich solle ihm sofort das geänderte dbna Passwort sagen. Und was ich da zu suchen hätte. Es ist ihm egal, ob er mich verloren hat. Er treffe sich sowieso mit jemand aus Lauingen, der wäre viel näher bei ihm und den könnte er jeden Tag sehen. Meine Sachen schickt er alle zurück.

Arschloch! Man kann es sich vorstellen, und wer mich besser kennt, weiß, dass meine Stimmung nach dieser Nacht, einen Tag vor unserem “Einmonatigen” nicht die Beste ist. Aber ich versuche trotz des tiefen Schmerz Contenance zu bewahren, bleibe tagsüber nüchtern und press mir Abends mal ein paar Böcke. Es macht keinen Spaß mehr, den ganzen Abend nüchtern zu sein.

Abends ein Anruf von Simon. Ich geh ran. “Rufst Du bitte zurück?” fragt er. “In zehn Minuten.” antworte ich. Tausend Gedanken rasen in dieser Zeit durch meinen Kopf, was er mir wohl zu sagen hätte. Aber für den Inhalt des folgenden Gesprächs müsste ich ihn eigentlich bis nach Ägypten watschen.

Nur, dass ich Bescheid wüsste; ich bekäme morgen ein Paket mit den Sachen drin. Schwärmt von seiner neuen Liebe aus Lauingen, den er heute getroffen hat. “Schön für dich Simon. Hast du deswegen angerufen?” “Nein.” “Was laberst du mir dann so nen Scheiß vor? Is dir egal, wies mir dabei geht?” frag ich wütend. “Nein. Wie gehts Dir denn?” “Wie solls mir gehn? Beschissen.” antworte ich. “Ach schau, wir ham vielleicht einfach nicht zusammengepasst. Du findest schon den Richtigen.” sagt er. “Ja klar, das fällt Dir ja früh ein und spielst mir aber bis zuletzt was vor!” halte ich entgegen. “Nein ich hab nicht mit Dir gespielt.” erwidert er. “Verarsch deinen Nächsten bitte, OK?” Dann erzählt er mir noch, dass er jetzt endlich einen gefunden hat, der mit ihm Urlaub in Ägypten machen will. Das ist zuviel. “Ok, Arschloch. Ich wünsch Dir noch nen schönen Abend!” sage ich und leg auf.

Im nächsten Moment fliegt meine Teetasse gegen die Wand und zerspringt in alle Einzelteile. Da hatte ich mir doch wirklich mal wieder so nen “Max” aufgehalst und war blind vor Liebe. Nur gut, dass ich das alles früh genug mitbekam. Nach Monaten oder Jahren tut es mehr weh.

In der nächsten Zeit, möchte ich weder die hier erwähnten Orte, noch irgendwas über Schwaben sehen oder hören. Ich brauche Ablenkung. Nicht nur meine Großmutter wurde in Dillingen begraben. Auch diese besondere, kurze Liebe…

Das Kapitel “Begraben” ist Simon gewidmet.

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Begraben. Akt II - Tragödie

herzgebrochen_1521Freudestrahlend laufe ich ihm entgegen. Er strahlt nicht. “Als hätte ich es gerochen, dass ich Dich unterwegs treffe” begrüße ich ihn. “Kannst deinen Rucksack auf den Rücksitz machen” sagt er und lehnt den Sitz nach vorn. Seltsame Begrüßung nach anderthalb Wochen.

Wir fahren los. Die Frau im Navi führt ihn falsch. Er fährt die halbe Strecke zurück und nach einem 10-minütigen Umweg sind wir auf der richtigen Route. Ich mische mich nicht ein, bleibe still, versuche ihm nicht reinzureden. Ich fühl mich komisch. Er bietet mir zweimal eine seiner letzten Zigaretten an. Während der Fahrt sprechen wir nicht viel. Belangloses. Er zeigt mir den Kindergarten, wo er damals war, während wir vorbeifahren.

Um 16.05 Uhr erreichen wir Gingen bei Heidenheim. Simon parkt in der Tiefgarage. “Fahren wir danach nach Dillingen?” frag ich ihn. “Hm.. ich wollt eigentlich auf Günzburg. Mit der Lea.” “Achso?” frag ich sichtlich pikiert. “Hatten doch ausgemacht, den Rest der Zeit in Dillingen zu verbringen.” “Warst noch nicht am Grab?” fragt er. “Na woher komm ich denn, Maus? Noch nichmal bis dort kam ich.” “Achso, OK. Wo wartest Du?” fragt er. “Ach, ich werd mich in den Läden ums Eck ein wenig umsehn.” “Na OK, ich lass anklingeln, wenn ich fertig bin, wird nicht lange dauern” meint er und geht durch die Praxistür.

Nachdem ich bei KIK ein Parfüm gekauft habe, setz ich mich in das Straßencafe um die Ecke, mit Blick zum Praxiseingang. Erst warte ich ewig auf die Bedienung, ehe ich dann reingeh und auf mich aufmerksam mache. Sie entschuldigt sich, dass sie mich nicht gesehen hatte. Ich bestelle eine Apfelschorle und suche die Toilette auf.

Nach einer geschlagenen Stunde verlasse ich den Tisch und laufe umher. Ich fühle mich seltsam unwohl in der Magengrube. Um viertel nach fünf kommt Simon durch die Praxistür. Er lächelt kurz und zeigt stolz seine freien Oberzähne. Wir fahren nach Dillingen. In Gundelfingen halten wir kurz an einem Blumenladen. Ich kaufe eine weiße und eine rote Rose.

Wir parken bei Netto in Dillingen und laufen zum Friedhof. “Gehn wir anschließend noch wo hin?” frage ich. “Hm.. ich muss um 18.00 Uhr daheim sein.” erwiedert er kühl. “Was? Wir haben aber schon fünf vor. Das fällt Dir ja früh ein. Wieso musst Du denn plötzlich um 18 Uhr daheim sein?” “Ja, meine Oma sagt, ich hab zu wenig geschlafen.” antwortet er knapp. Aha. Mag das glauben, wer mag. “Und wie schaut’s jetzt wegen Morgen auf Donnerstag aus? DU wolltest doch…” Ich muss lernen, geht leider nicht. Wir schreiben nächste Woche in der Berufsschule Probe.” fällt er mir ins Wort. “Aha. OK.”

Das Grab ist relativ schnell gefunden. Simon sucht den Kranz meiner Family. Ich entdecke ihn. Der Namen meines Vaters, Bruders und mir ist darauf in goldenen Lettern gedruckt. Ich lege die weiße Rose auf ein Holztischchen, das mit einem Bild von ihr geschmückt ist. Mir wird immer unwohler. Mich überkommt eine Mischung aus Angst, Simon zu verlieren und die stille Trauer über den Tod meiner Oma, die anderthalb Wochen zuvor noch besuchen wollte. Ich weiß im Moment nicht, welches Gefühl schlimmer für mich ist. Ich möchte ihn so gern, fragen, was los ist; ich schaffe es aber nicht.

“Gehn wir” sage ich. Ich muss Dich aber jetzt nicht extra nach Günzburg fahren, oder?” fragt er. Nein, musst Du nicht.” antworte ich kühl. “Soll ich Dich zum Dillinger Bahnhof fahren?” fragt er weiter. Nein, danke. Ich bleib noch in der Stadt.” erwidere ich abermals kühl, mit einer Brise Enttäuschung in den Augen. “OK. Für wen ist die zweite Rose?” fragt er und sieht zur Rückbank. “Die… ist für Dich.” Ich nehm das Stoffherz mit der Maus drauf aus dem Rucksack und geb es ihm. “Danke” sagt er leise und macht dabei eine seltsame Mimik, die mir tausend Bände erzählte. “Bekomm ich noch n Kuss?” frage ich. Er gewährt. Tief in mir spüre ich, dass es der Letzte war. “Ciao” sag ich und seh ihm noch einmal in seine verführerischen, himmelblauen Augen, ehe ich die Beifahrertür schließe und er ohne eine Geste abfährt. Er dreht sich nicht um.

Grausame Gedanken überkommen mich. Während ich wie ferngesteuert durch Dillingen laufe, schreib ich Simon um 18.11 Uhr eine SMS: >>Ich hab das starke Gefühl, dass Du mir aus dem Weg gehst und mich nur schnell loswerden wolltest. Hatte mir unser Wiedersehn ganz anders vorgestellt. Von Liebe ist da doch nichts mehr. Gestern am Telefon hattest Du noch ganz andere Töne angeschlagen -.- <<

Danach schalte ich beide Handys ab und beschließe ich, meine Nüchternheit zu beenden. Ich komme an der Parkbank vorbei, wo ich als ca. 15jähriger meine erste Zigarette im Mund hatte und gar nicht so wirklich vertrug. Ich schieße zwei Bilder.

Ich muss dringend pissen. In einem griechischen Lokal gehe ich aufs WC. Ich bin so derart verplant, dass ich dort meine Sonnenbrille liegen lasse und nochmal 200 Meter zurück muss. Die beiden Simon-Lieder sind verstummt. Stattdessen tönen schwere, barocke Klassikstücke durch den MP3. Ich werde immer verzweifelter.

Diese Mischung aus einer seltsamen Gewissheit, dass mein Traum vorbei ist und aus den Orten in Dillingen, die Erinnerungen in mir aufflammen lassen, macht mich schier wahnsinnig. Meine Augen werden feucht. Während ich so durch die Stadt laufe, riecht es stellenweise nach Dillingen, nach Heimat, nach Vertrautem. Ich atme es tief ein, weil ich vermutlich zum letzten Mal in dieser Stadt bin.

Ich laufe zu Omas Haus. Der Weg dorthin, die Schützenstraße, ist nicht wieder zuerkennen. Ich verweile einige Minuten vor dem Haus und sehe in den Garten. Der große, alte Kirschbaum ist weg. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie Großmutter im Beet bei ihren Gurken steht. Ich gehe zurück, laufe zur Donaustraße, weil ich Marcel versprochen hatte, Bilder von dem Haus zu schießen, indem er damals wohnte. Mit Marcel und seinem Bruder Patrick war ich um 1994/95 dort recht gut befreundet. Wir hatten uns dann vor ein paar Wochen über Facebook wiedergefunden.

Ich laufe wieder zurück, am Lustgarten vorbei, wo Manu damals wohnte. Sein Nachname an den Klingelschildern ist verschwunden. Ich trotte über den Schlossgarten zu dem Cafe, wo Simon, Michi, Alex und ich vorletzten Sonntag noch saßen. Laufe weiter, Richtung Industriegebiet und kaufe mir bei Kaufland vier Bockbier und Brillenputztücher. Ich war eigentlich immer total gegen diese Dinger; aber es ist mir im Moment scheiß egal. Meine Sonnenbrille beschlägt ständig.

Ich mach den Dillinger Bahnhof ausfindig und trink dort ein Bockbier. Danach geh ich in den angrenzenden Getränkemarkt, hol mir noch zwei Salvator und setz mich in den Taxispark. Es ist viertel nach sieben. Ich schalte kurz mein Handy an, um nach SMSen zu sehen. Vier entgangene Anrufe von Simon. Ich habe gerade wirklich nicht den Nerv, mit ihm zu sprechen und schalte wieder ab. Ich trinke noch zwei Bockbier und trotte zum Bahnhof. Ich möchte nicht nach Hause. Ich steig in irgendeinen Zug ein, in der Hoffnung, er würde überall hinfahren, nur nicht nach München. Irgendwann aber stehe ich in Augsburg. Simon schafft es, mich ans Telefon zu bekommen und versucht wieder, meine Gewissheiten zu begraben. “Jetzt halt mich doch nicht ständig für blöd, Simon!” sag ich ihm. Und dass er aufhören soll, mich zu verarschen. “Am Samstag bin ich doch da, dann ham wir mehr Zeit für uns.” Wirklich glauben tat ich nimmer daran.

Irgendwann gegen 23.00 Uhr bin ich in Pasing. Klaus kommt mir am Schlagweg entgegen. Zuhause angekommen sitzt Michi noch bei mir und meint, es wäre besser, ihn ziehen zu lassen. “Der verarscht dich doch nur!” sagt er wiederholt. Ich aber, möchte ihm irgendwie noch glauben…

“Akt III - Horror” folgt noch HEUTE

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Begraben. Akt I - Tragikomödie

Was der Maienregen hat geboren,bahnhofgz
hatt’ in der Junisonne ich verloren.


Dienstag, 7.00 Uhr. Der Wecker geht. Ich stelle ihn auf den Sleeping-Modus. Halb acht. Handy klingelt. Ich dreh mich um und nick nochmal ein, ehe ich um viertel vor acht aufstehe und diesmal keinen Tee, sondern O-Limo trinke. Ich hab nen Brand von dem Liter Rotwein letzte Nacht. Eine Woche war ich abstinent gewesen.

Simon und ich hatten gestern gestritten. Weil er mit einem Zweitprofil bei Romeo weiterhin massenweise Typen anbaggerte und versuchte, mit ihnen zu daten, obwohl wir zuvor noch unsere Profile gelöscht hatten, um vorangegangenen, ähnlichen Vorfällen vorzubeugen.
Ich hatte immer wieder meine gewissen Tricks, um seinen Spuren im Internet auf die Schliche zu kommen. “Du bist ja besser als die Stasi” titelte Heiko in Skype. Ja ich bin gut darin. Ich erfahre fast immer, wenn man mich verarscht. Das ist den Meisten nur nicht bewusst und sie glauben, selbst dann mich weiter verarschen zu können, wenn ich ihnen sage, dass ich weitere Aktionen zu 100% erfahre.

Ich war an diesem Montag soweit, dass ich Schluss machen wollte, es aber nicht konnte. Zum einen, weil er mir was vor heulte, mit Selbstmord drohte und zum Anderen, weil ich immer noch so ungeheure Liebe für ihn verspürte. “Ich fahr mit meinem Auto gegen einen Baum! … Mein Leben ist sinnlos ohne Dich! … Bitte schlag mich, aber verlass mich nicht! … Wenn Du eine Träne wärst, würde ich nie wieder weinen, nur um Dich nicht zu verlieren!…” Solche Dinge schrieb er in Skype. Ich war um den Finger gewickelt und versprach, auf seine zögerliche Frage, ob wir uns denn morgen in Dillingen sehen, dass wir uns sehen. Trotz, dass ich beide Handy abschaltete, bekam er mich dazu, dass wir telefonieren. Die Beerdigung meiner an Fronleichnam verstorbenen Oma stand für Dienstag an und wir wollten uns danach sowieso in Dillingen treffen. Er versprach sogar von Mittwoch auf Donnerstag zu kommen, um mir zu beweisen, dass er nur mich sehen will. Ich ließ mich gern auf diesen Vorschlag ein. Er versprach, nie wieder nach anderen Typen zu suchen und ich löschte das Profil. Er sprach plötzlich von “Heirat” und Zusammenziehen. Es ist naiv, nach vier Wochen über so etwas zu sprechen, aber ich fand es irgendwie süß. Er bat mir an, mich in Günzburg abzuholen und nach Dillingen zu fahren, wenn ich um 11.15 ankomme.

Ich versuche krampfhaft, meine gestern neu gekauften Klamotten trocken zu bekommen. Eine schwarze Dreiviertelhose mit Seitentaschen und ein schwarzes Nadelstreifenhemd. Ich packe Dinge in den Rucksack, die ich bei mir haben muss. Digicam, Batterien, vier 0,33l Flaschen “Wellnessgesöff”, das Buch “Asshole”, das mir Regine geliehen hatte, die Packung Tranxilium für “Notfälle”, meinen Schlüsselbund und das Stoffherz mit der Maus drauf, welches ich vergangenes Wochenende für Simon gekauft hatte.Keinen Alkohol. Ich bleibe bis auf gestern Abend nüchtern.

Gegen 9.00 Uhr bekomme ich wieder mal eine Art “Torschlusspanik”. In 40 Minuten geht mein Zug. Ich bin kopftechnisch noch nicht soweit. Ich beschließe, den Zug um 10.40 uhr zu nehmen und teile es Simon per SMS mit.

Kurz vor zehn gehe ich zum Bus. Er fährt mir vor der Nase weg. Wenn ich den nächsten nehme, hab ich in Pasing nur noch sechs Minuten um ein Ticket zu kaufen und zum Gleis zu jumpen. Die Sonne brennt sehr heiß vom Himmel. Ich beginne, heftig zu schwitzen. Der Bus kommt, und ich sehe während der Fahrt immer wieder nervös auf die Uhr.
Am Pasinger Bahnhof angekommen, renne ich durch die Halle zum Ticketautomaten. Verdammte Scheiße, ich check einfach nicht, wie man hier ein Bayernticket raus lässt. Selbst ein Afroamerikaner und ein Pärchen, welche ich bitte, mir zu helfen, kommen nicht weiter als ich. Ich sehe nervös auf die Uhr. 10.38. Ich renne zum Infobüro und bitte einen Bahnangestellten, mir zu helfen. In Sekundenschnelle druckt er mir das Ticket und ich eile außer Atem zum Gleis 9. Die Türen des Zugs schließen im selben Augenblick, während ich in das Abteil stürme. Ein Gurt meines Rucksacks verfängt sich in der Türe. Reisende helfen mir, die Tür aufzuhalten.

Ich finde einen netten Platz mit Tischchen am Fenster und einer herrlichen Aussicht. Im MP3 Player laufen zwei Lieder, die mich an Simon erinnern. Trotz des traurigen Anlasses für die Fahrt nach Dillingen, freute ich mich, Simon nach anderthalb Wochen wieder zu sehen.

Kaum sind wir kurz vor Augsburg, ertönt eine Stimme aus dem Lautsprecher: “Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund eines Personenschadens (Bahnler-Jargon für Suizid) hält dieser Zug in Augsburg. Schienenersatzverkehr steht vor dem Bahnhofsplatz bereit. Ab Gesserstshausen haben sie den Anschlusszug nach Günzburg. “Das darf doch nich wahr sein!” raune ich vor mich hin. “Ne, oder?” sagt eine Frau hinter mir entnervt. Die Abteile werden unruhig.

Der Augsburger Bahnhof hat sich sehr verändert. Marmorsäulen schmücken die kleine Eingangshalle. Aber der Geschäftsbetrieb ist verstummt. Nur noch einen Yormas gibt es dort. Der Zeitschriftenladen, wo ich damals immer meine Raveline kaufte, existiert nicht mehr. Die Schalter sind weg. Ich war lange nicht mehr hier. Sicher acht oder neun Jahre. Während ich über den Bahnhofsplatz laufe, kommen Erinnerungen von 1997/98 als ich mich oft dort aufhielt.

An der Hauptstraße stehen zwei Busse. >>Schienenersatzverkehr Gessertshausen<<  leuchtet auf der Anzeige in oranger Schrift. Ich steige in den vorderen Bus ein, weil ich vermute, dass dieser sein Ziel eventuell eher erreicht, als der Hintere.

Die Fahrt führt vorbei am Königsplatz, durch den Ort und es vergehen ca. 15 Minuten, bis wir aus Augsburg raus sind. Ich öffne das Fenster. Ach wie schön, wir fahren über Neusäß, wo ich 1998 einst fürstlich residierte. Erinnerungen kommen hoch. Kurz hält der Bus vor der Arztpraxis, wo sich damals auch ein Drama abspielte. Dann kommen wir an der Parkstraße vorbei. Ich blicke hoch, zur Penthouse Wohnung. Wieder Erinnerungen. Kurz denke ich an Johannes. Die Reise entwickelt sich zu einem Rückblick auf mein Leben. Und überhaupt, seit ich Simon kenne, war ich an mehr Orten meiner Vergangenheit, als die letzten 10 Jahre davor.

Kaff für Kaff durchfährt der Bus. Die Örtchen und Landschaften sind schön anzusehn, doch der ständige Blick auf die Uhr bereitet mir Unwohlsein. Um 12.15 Uhr sollte ich in Günzburg ankommen und hoffen, dass mich Simon oder mein Bruder/Vater abholt. Sonst komme ich erst um halb zwei in Dillingen an. Die Beerdigung beginnt um 13.00 Uhr.

Noch ehe es am Dorfkirchturm zwölf schlägt, erreicht der Bummelzug Gessertshausen, aber keiner kann den ersehnten Anschlusszug sehen. Die Menschen murmeln. Zwei Herren von der Bahn kommen hinzu. “Dr nägschde Zuag nach Günzburg kommt abr erscht um 12.42 Uhr” Das Gemurmel der Leute wird unruhiger. Ich brülle dazwischen: “Das is jetzt ‘n schlechter Scherz, oder?” “Noi, des isch koi Scherz!” erwidert der Beamte. Wutentbrannt laufe ich vom Bahnsteig, suche eine Toilette. Meine Blase drückt. Ich hab bisher sicher schon anderthalb Liter Wasser getrunken. Keine Toilette. “Keine Toilette an diesem scheiß Bahnhof! Ich kann hier nicht mal pissen! Kein Anschlusszug! Was soll ich eine Stunde lang in diesem scheiß Kaff?!” brülle ich wütend. “Keine Beerdigung!” Aus dem Blickwinkel fällt mir auf, dass mich fast alle ansehen. Es ist mir gleichgültig. Zwei Damen um die 60 lächeln mich bemitleidend an. “Recht hadr scho!” höre ich die eine noch sagen. Welch eine Lobeshymne für meine Fäkaliensprache.

Ich laufe runter zum Ort und suche irgend eine Örtlichkeit, wo ich pissen kann. Bauernhof grenzt an Bauernhof. Schließlich finde ich eine Tankstelle, wo man mich pissen lässt. Ich bedanke mich und laufe einigermaßen erleichtert zum Bahnhof zurück. Auf dem Hinweisschild steht: >>Einige Minuten später<< Wütend schüttel ich den Kopf. “Scheiß Deutsche Drecksbahn!” grolle ich vor mich hin und bemerke, wie mich wieder all die Leute anstarren, die zuvor schon meinen Wutausbruch erlebten. Ich stecke völlig nüchtern in diesem Albtraum. Mich interessiert es aber seltsamerweise nicht im Geringsten, was die Leute von mir denken. Ich fühle mich trotz aller misslichen Umstände irgendwie frei und gelöst. Ich fühle mich wütend und wohl. Ich genieße den Sommer und atme ihn tief ein.

Gegen 13.00 Uhr fährt endlich der Zug ein und verspricht, in 20 Minuten in Günzburg zu sein. Super. Beerdigung beginnt bereits. In Günzburg angekommen, muss ich feststellen, dass der Anschlusszug nach Dillingen vor ein paar Minuten abgefahren ist. Der nächste käme um 14.04 Uhr. Ich telefoniere mit Dad. Ich sage ihm, dass ich die größte Lust hätte, wieder umzukehren. Vater meint, sei halt scheiße gelaufen, ich könne ja zurückfahren. Nein! Jetzt erst recht! Aufgeben? Nein! Immerhin kann ich Simon sehen und mit ihm das Grab meiner Großmutter besuchen.

Ich laufe vom Bahnhof und suche eine Straße Richtung Dillingen. Baustellen und Umleitungen führen mich durch die halbe Kreisstadt, ehe ich gegen 13.40 endlich an einer Straße stehe und versuche, zu trampen. Nach erfolglosen 15 Minuten gebe ich auf und laufe schnellsten Wegen zum Bahnhof zurück. Die Zeit wird knapp, ich renne, laufe in den Bahnhof ein. 14.05 Uhr. Zwei ältere Damen erklären mir, dass der Zug “abgefahren” sei. Fassungslos stehe ich da und versuche zu begreifen, warum heute auch alles schief läuft.

Abermals laufe ich Richtung Ortsausgang zum Trampen. Unterwegs kaufe ich bei Netto drei Fläschchen von diesem Wellnessdrink, nach dem ich seit einer Woche so süchtig bin und die zweite Schachtel Zigaretten. An der Kasse gibt die Kassiererin 10,00 Euro zu wenig raus. Leicht verwirrt bemerke ich es zum Glück und sie entschuldigt sich mehrmals. Ich laufe zur B16 und halte den Daumen raus. LKW’s, LKW’s, Bonzen. Keine Sau hält. Zwei junge Fotzen winken jeweils schadenfroh aus dem Beifahrerfenster, welches ich mit meinem Mittelfinger beantwortete. Gegen 14.45 schreibe ich Simon eine SMS. >>Stehe immer noch in GZ. Versuchs nun mit Trampen.<< Keine Antwort. Nach ca. 30 Minuten in prallen 33° C, in schwarzen, schweißgebadeten Klamotten, hält ein ca. 35jähriger, recht cooler Typ, mit Kinnbärtchen. Er lässt mich an der B16 raus, ehe er nach Stotzingen abbiegt.

Ich stehe oberhalb einer Kuhweide vor einem Lichtpfeiler. Während ich so dastehe und versuche zu trampen, fangen die  Kühe 8 Meter neben mir zu brunzen und zu scheißen an. Herrlich! So hatte ich mir diesen Dienstag vorgestellt! Bei 44°C in der Sonne den Rindviechern beim Ausscheiden ihrer Exkremente zusehen. Aber nicht genug. Sie fangen auch noch an, sich die Pisse und Scheiße von den Ärschen zu lecken. Mir wird schlecht. Im rettenden Moment hält ein Typ in meinem Alter, oder ein paar Jahre älter. Er fährt nach Gundelfingen. Passt. 15.21 Uhr. Ich schreib Simon eine SMS: >>Bin gleich in Gundelfingen.<< Keine Antwort. Vielleicht sitzt er schon im Auto, auf dem Weg zum Kieferorthopäden.Er hat dort um 16 Uhr einen Termin; bekommt seine obere Spange raus.

Gegen halb vier kommen wir im Ort an. Ich vermute, dass Simon die Initialen SL an seinem Peugeot hat und halte Ausschau. Theoretisch könnte er mir entgegenkommen. Und prompt kommt er mir entgegen. Mit den Initialen SL . “Hey!” rufe ich und winke ihm zu. Er bemerkt mich, bremst ab und hält in einer Seitenstraße. Ich laufe auf ihn zu und er macht eine fordernde Armbewegung; was soviel hieß, ich solle mich beeilen, er habe es eilig.

Akt II - “Tragödie” folgt soon

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Gedanken

Manchmal
schicke ich meine Gedanken
auf eine Reise.
Ich sage ihnen
sie sollen ganz weit
weg von Dir sein.
Aber jedesmal
wenn sie behaupten am Ziel zu sein,
seh ich nur Dich.

Manchmal
lege ich meine Gedanken
in schwere Ketten.
Ich sage ihnen
sie sollen hier bei mir
weg von Dir sein.
Aber jedesmal
schaffen sie es, sich zu befrei’n
und eilen zu Dir.

Warum
wollen sie nur nicht verstehn,
dass es besser gewesen wär,
Dich niemals zu sehn…

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Von Roten Rosen.

blutrose0021Von Roten Rosen.

Man erzählt, eine Liebe, die mit einer Rose beginnt, hält ewig.
Deswegen war es kein Wunder, das die unsere so schnell verging.
Jede Rose hält länger.

Von Roten Rosen will ich erzählen!
Du warst so eine.
Wunderschön, gut duftend und ich liebte dich auch mit Deinen Dornen.
Ab und zu ließt du mich bluten.
Aber mit jedem Moment ließt du mich auch hoffen.

Doch Du Rote Rose.
Wieso kannst du nicht verstehen.
Dass ich es bin, der sich so sehr nach dir sehnte.

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Vertrauen

Leben Menschen miteinander, Stellen sie sich Regeln auf.
Jeder möchte nur die Wahrheit, Lügen nimmt man nicht in Kauf.
Auch will man sich stets verlassen, was der Andre tut und spricht,
Unabhängig von der Gruppe ist das eine Adelspflicht.

Alle sollen sich verhalten, ungezwungen, frei und echt,
Niemand sollte sich verbiegen, keiner sei des andren Knecht.
Ist Vertrauen erst geschwunden, kehrt es häufig nie zurück;
Wut und Trauer bleiben übrig, Anarchie nur bleibt zurück.

(c) Rajymbek 01/2009

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