Archive for Juni, 2011

Fünf Nächte

240611-1526Teil I „Out of Munich“

Am Freitagmorgen des 24.06. scheint sich der Regen gelegt zu haben. Vorsichtig sehe ich aus dem Fenster und kann mich tatsächlich an den ersten Sonnenstrahlen seit Tagen erfreuen. Zuvor war es durchgehend wechselhaft, regnerisch und trüb. Ich beschließe, wieder mal eine kleine Reise zu unternehmen. Diesmal soll es Heiko treffen. Während ich im Internet Mitfahrgelegenheiten nach Kulmbach und Bayreuth auskundschafte, stelle ich fest, dass die Möglichkeiten, heute noch dort anzukommen, stündlich schwinden. Die meisten Fahrer erreicht man nicht mal mehr telefonisch.

Nur kein Stress. Ich hab Zeit. Ich räume die Wohnung auf, richte mich im Bad zurecht und finde gegen Mittag durch einen glücklichen Zufall noch einen Platz für eine Fahrt nach Bayreuth. Um 13 Uhr solle ich an der U-Bahnhaltestelle Mailingerstraße sein. Ich nehme meinen gepackten Rucksack und mache mich los. Am Sendlinger Tor muss ich in die U1 umsteigen. Während ich auf die Bahn warte, fällt mir ein paar Meter weiter in der Menschenmenge ein junger Kerl von etwa 19 Jahren auf, der unheimlich gut aussieht. Er sieht nicht nur unheimlich gut aus; er ist ein Traum. Auch er erblickt mich und kommt langsam in meine Richtung. Ich sehe mir die Veranstaltungsplakate an; er tut es auch. Im Blickwinkel sehe ich, dass er mich ansieht; ich werde tierisch nervös, lächle ihn kurz an, kann aber nicht sehen, ob er es erwidert. Die Bahn fährt ein und ich stelle mich neben die Tür. Der Junge stellt sich neben mich, obwohl Plätze frei sind. Ich mustere ihn kurz. Er erinnert mich etwas an Max, sieht aber noch viel besser aus, finde ich. Als ich auf mein Handy sehe, um die Uhrzeit zu checken, macht er das ebenso. Ist das alles nur Zufall oder möchte er mit seinem Verhalten auf sich aufmerksam machen? Ich weiß es nicht. Wenn er mich jetzt anspricht oder ich ihn, dann würde ich die Fahrt abblasen und ihm meine volle Zeit widmen. Am Stiglmaierplatz aber, werde ich jäh aus meinen Träumen gerissen, als er aussteigt. Kurz sieht er sich um und ich sehe ihm nach…

Es ist wieder windig geworden. Graue, schwere, regengetränkte Wolken eilen über die Stadt; Regentropfen im Gesicht. Ich rufe den Herrn mit dem ostdeutschen Akzent an, der nach Halle fährt. Wir finden uns schnell. Er ist ein Mittfünfziger, wirkt gebildet, spricht anfangs nicht viel. Der Regen setzt nun ein und hüllt München wieder in ein Einheitsgrau. „Nur raus aus diesem Wetter! Hoffentlich ist es im Norden wirklich so schön, wie der Wetterbericht ankündigte.“ sage ich. „Ja, das kann man schon sehen!“ erwidert er und zeigt auf den wolkenfreien Streifen im Norden. „Studieren Sie in Bayreuth?“ fragt er. „Nein, fürs studieren bin ich schon zu alt.“ antworte ich grinsend. „Ach, fürs Studieren ist man nie zu alt.“ meint er und erzählt von einem Kollegen aus Halle, der mit 37 noch sein Abitur machte, studierte und heute eine renommierte Anwaltskanzlei führt. „Davor war sein Leben ein Trümmerhaufen, glauben’se mir. Frau weg, Kinder weg, Alkoholismus.“ Ich vermeide, das Gespräch auf meinen eigenen Totalschaden zu lenken und höre ihm zu.
Hin und wieder klingelt sein Handy. Es sind Mitfahrer, die in Bayreuth auf ihn warten. Mir wird unwohl, wenn er telefoniert, denn er schafft es, sein Auto dabei mehrmals leicht aus der Spur zu bringen. Ich sehe schon das Kreuz am Straßenrand…

Nach zwei Stunden Fahrt kommen wir am Bahnhof in Bayreuth an. Er erwartet nur zehn Euro für die Fahrt. Ich bedanke mich und kaufe mir im Bahnhof Kaugummis und ein stilles Wasser mit Kirschgeschmack. Das Wetter ist auch hier nicht toll und ich ziehe meine leichte Jacke zu. Ein leichtes Déjà-vu von Frankfurt überkommt mich. Damals war das Wetter ebenso trüb; aber meine Stimmung weitestgehend gut. In der Fußgängerzone macht es mir Spaß, durch die Läden zu bummeln, ohne was zu kaufen. An einem Straßencafe mache ich Halt und trinke eine heiße Schokolade, beobachte die Menschen, die an mir vorbeigehen. Heiko erreiche ich immer noch nicht. Michi erledigt das schließlich von München aus für mich und ruft ihn auf Festnetz an. Kurze Zeit später meldet sich Heiko. „Was’n los? Is ja ne seltene Ehre, wenn Du mit mir telefonieren willst.“ meint er. „Lust auf ne kleine Autofahrt?“ frage ich. Heiko lacht. „Ich bin in Bayreuth.“ „Was? Jaja, Du in Bayreuth!“ Heiko lacht wieder. Als ich ihm dann glaubhaft vermitteln kann, dass ich wirklich in Bayreuth bin, bittet er mich um ein wenig Geduld, dann würde er mich abholen.

Wir treffen uns gegen 16.30 am Bahnhof und fahren nach Wirsberg. Heiko kauft unterwegs noch was zum Kochen ein. Abends besuchen wir Patrick, mit dem ich schon seit fast zwei Jahren mehr oder weniger in Kontakt war, aber noch nie kennen gelernt hatte. Er hat mittlerweile wieder einen festen Partner und wohnt mit ihm in Kulmbach. Es wird ein sehr schöner, unterhaltsamer Abend. Gegen halb zwei in der Nacht fahren wir wieder zurück. Heiko und ich sitzen noch bis in die Morgenstunden zusammen und wachen nach nur vier Stunden Schlaf ziemlich verschädelt auf.

Teil II - “Wirsberg” folgt…

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Traum von Dir

traumFast jede Nacht träum’ ich von Dir
und weiß nicht, wer Du bist.
Ich fühl’ Dich nur; denn Du gibst  mir,
was ich lange hab vermisst.

Ich sehe, liebe, fühle Dich
des Nachts in meinen Träumen nur.
Und auch des Tags, da fühle ich
den Blitz, der mir das Herz durchfuhr.

Oft, wenn ich zu Bette geh,
frag’  ich mich beim letzten Wein:
Ob ich Dich heut wohl wieder seh?
Oder lässt Du mich allein?

Im wahren Leben bist Du mir fern;
Dein Name bleibt mir unbekannt.
Und doch trag’ ich diesen Hoffnungsstern
in meiner Seele, ausgebrannt.

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Ein Tag Leben

EinklangDie letzten Wochen wurden durch meine Apathie immer unerträglicher, schmerzhafter und zurückgezogener. Bis ich am letzten Wochenende zum Umdenken kam. „So wie es jetzt ist, endet es in einer Katastrophe.“ Ich stellte ab Montag, Dienstag und Mittwoch einige schlechte Gewohnheiten wie das Rauchen und das „Rauchen“ abrupt ein, nahm meinen Behandlungstermin in der Kieferchirurgie wahr und bemerkte eine allgemeine, sehr plötzliche Besserung. Alkohol trinke ich kaum mehr, ein oder zwei Gläser Wein in den Abendstunden.

Herzrasen, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Verwirrtheit, Schwindel, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Schmerzen an fast allen Organen und in der Motorik, Schweißausbrüche, Paranoia, Panik… All‘ diese Symptome, die mich oft Tag und Nacht, manchmal über viele Stunden schier wahnsinnig machten und meinem Leben jegliche Qualität entzogen, schienen plötzlich nach und nach im Nichts zu verschwinden. Vielleicht ist es auch das Medikament Opipramol, welches ich seit Montag zwei Mal täglich einnehme. Aber das sollte laut Ärztin sehr schwach sein und erst nach einigen Wochen zur Besserung führen. Mit Sicherheit auch mein nun vehementes Entgegenwirken, um dieser Krankheit kein Terrain zu bieten. Wer mich aber länger kennt, weiß, dass diese positiven, glücklichen Phasen leider meist nur von kurzer Dauer waren und mich oft schon am folgenden Tag eine grauenvolle Depression oder eine andere Sauerei heimsuchten und das einstige, kurze Glück in einem traurigen Nachhall verstummte.

Donnerstag, 16.06.11. Um halb sieben wache ich auf. Im Fernsehen wird über „Cyberwar“ und die verheerenden Ursachen berichtet. Als wüsste ich nicht schon seit Jahren, dass Bomben und Zerstörung künftig Out sind und viel zu viel Geld verschlingen. Genervt drehe ich mich wieder um. Nein! So darf ein Morgen nicht beginnen. Wie von einer inneren Stimme getrieben, stehe ich auf, schalte den TV aus und tausche Horrormeldungen gegen heitere Musik, schwinge mich unter die Dusche und hab das überirdische Verlangen, etwas zu tun, was ich lange nicht freiwillig tat. Zugfahren. Tapetenwechsel.

Meine Laune wird immer besser und ich bin selbst etwas erstaunt, wie selbstverständlich heute alles funktioniert, ohne einen einzigen Gedanken, mein Vorhaben wegen irgendwelchen wirren Gedanken hinauszuzögern oder gänzlich zu canceln. Teilweise fühle ich mich, als wär ich gar nicht mehr ich. Ich bin weiterhin rauchfrei, bis auf vielleicht ein oder zwei Ausnahmen in den späten Abendstunden und dann rauche ich dann auf dem Balkon. Kurz nach acht verlasse ich das Haus, nachdem ich die restlichen drei Zigaretten aus der Schachtel ins Klo kippe und beschließe, erst gar keine mitzunehmen. Als würde ich es jeden Tag tun, setze ich mich in den Bus und steige am Laimer Platz in die U Bahn um. So unwohl ist mir gar nicht; die Bahn ist nicht überfüllt. Am Bahnhof wird die Situation unwohler, aber ich blende die Menschen aus und konzentriere mich auf den Fahrkartenautomaten und die Suche nach dem Gleis. Exakt, eine Minute vor Abfahrt erwische ich den Zug. Nach Rosenheim.

Eigentlich war ich nur zwei Mal in Rosenheim. Im September 2006 mit Max und danach allein aus Verzweiflung. Und nie nüchtern. Elke, die ich kürzlich kennengelernt hatte, lebt auch dort und vielleicht freut sie sich, wenn ich mich überraschend melde.

Ich finde einen Platz vor zwei Mittfünfzigern, die ihrem Gespräch nach zu urteilen das erste Mal in die Berge fahren. Auch während der Fahrt weichen die Klänge aus dem MP3 Player nicht von meinen Ohren. Ich lese in Albert Camus‘ „Weder Opfer noch Henker“ und genieße den Ausblick auf die grünen Weiden und die Alpen. Nach ca. anderthalb Stunden erreicht der Zug Rosenheim. Als ich auf dem Podium des Bahnhofsausgangs stehe, sehe ich alte Bilder vor meinen Augen. Ich sehe Max und eine Amarettoflasche in meiner Hand. Ich wische mir diese Bilder von den Augen und gehe zielstrebig Richtung Innenstadt. Als ich an einer Apotheke vorbeikomme, sehe ich wieder diese Bilder und mache Halt. Da saß ich mal, vor fünf Jahren mit meiner Flasche Amaretto, nach einem Streit mit Max. Wieder schiebe ich diese Bilder beiseite, gehe weiter und beginne zu schwitzen. Es war ungünstig, bei dieser Schwüle meine lange Hose und das ebenso schwarze Shirt zu tragen. Ich wollte sowieso ein paar Sommerklamotten kaufen und sah mich in einigen Läden um. In einem Bekleidungsgeschäft probiere ich schließlich drei verschiedene Hosengrößen, ehe sich die letzte mit Größe 46 ohne zu rutschen an meine Hüften schmiegt. Sie ist rot-weiß-grau kariert, nicht wie sonst in eintönigem schwarz oder weiß. Auch lasse ich mich von einem Verkäufer beraten, was ich die Jahre zuvor immer gemieden hatte. Als ich dann auch noch ein paar Stoffschuhe finde, bin ich zufrieden und setze meinen Stadtbummel fort. Sehr lange liegt der letzte Tag zurück, an dem ich ein so unglaublich großes Glück empfand. Und das ohne jegliche Suchtmittel, ohne Alkohol und sogar ohne eine einzige Zigarette. Dafür kaue ich Kaugummis, bis mir davon schlecht wird.

Mittags lasse ich mich in einem Park nieder, der mit sämtlichen Rosenarten und Kräutern bepflanzt ist. Ich beobachte die wenigen Menschen, die ebenso darin herumlaufen und ich fühle keinen Hass, wie ich das sonst tue. Ich lasse sie ebenso gewähren wie ich mich. Später sitze ich in der Fußgängerzone in einem italienischen Straßencafe, bestelle mir eine heiße Schokolade und einen Tomate-Mozzarella Teller, lese in meinem Buch und genieße jede Sekunde dieses Lebens, was mir sonst nahezu täglich verwehrt war. Es fühlt sich an, wie wenn ich nach zehn Jahren Knast das Leben wieder spüren darf.

Kurze Zeit später stößt Elke dazu, nachdem sie sich vergewissern musste, dass da kein Teen sitzt, sondern der andere John. Das war wirklich eine sehr lustige Begrüßung. Sie bestellt sich eine Cola und erzählt von ihrem zeitausfüllenden Tag. Elke ist zwar verabredet, freut sich aber über die Überraschung und gönnt uns anderthalb Stunden Zeit miteinander. Wir fahren zum Simssee, sitzen auf einer Bank und ratschen. Sie fragt mich, wie ich mich fühle. Ich kann mit gutem Gewissen „Bestens!“ antworten.

Später, als sie zu ihrer Verabredung fährt, setzt sie mich in Rosenheim ab und ich schlendere nochmal durch die kleinen, vertrauten Gassen und besuche ein Straßencafe, trinke Mangosaft. Ein kurzer Gewitteraschauer zieht auf; die Leute laufen schneller, stellen sich unter, verlieren sich. Ich sitze da und atme diese Mischung aus schwüler und feuchter Luft ein. Diesen Geruch von heißem, nassem Asphaltboden. Es grummelt bald von allen Seiten und es sieht nicht wirklich danach aus, als ob sich die Sonne nochmal blicken lasse. Während ich die Wolken und ihre Zugbahn betrachte, vermute ich, dass in München noch bestes Wetter herrscht und entschließe mich kurzerhand, zurück zufahren.

Und tatsächlich fährt der Regionalexpress vom Regen in die Sonne Münchens. Nein, ich mag die Stadt immer noch nicht (nicht mehr) und ich kämpfe mich durch die Menschenmassen zur U Bahn. Am Laimer Platz sehe ich in einer Boutique wieder diese abstrakte Uhr, die mir im März schon gefiel. „Irgendwann kauf ich sie mir!“ hatte ich damals gesagt. Und ich kaufe sie. Die Verkäuferin ist sehr freundlich und gibt auf meine Anfrage sogar ein paar Euro Rabatt. Frohen Mutes nehme ich den nächsten Bus und fahre nach Hause. Im Garten sitzen Klaus, Udo und Michi. Ich geselle mich etwas dazu. Ein vorbeiziehender Gewittersturm und ein Besuch von Michi und Dennis runden diesen einen glücklichsten aller Tage ab. Zufrieden schlafe ich ein und hoffe, dass dieses Glück nie enden möge.

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Facebook und Dein bester Freund Sugar Mountain

fbIm letzten Artikel http://www.contrapunctus.me/?p=1285 hatte ich Euch über die Freundesammelmaschine berichtet, über meine Erfahrungen mit meinen „Freunden“ und Euch aufgezeigt, dass sich ein jeder von Euch darin wieder findet. Mindestens, meine „Freunde“ in der Facebookliste. Und heute lasse ich meinen Gedankenschwall über Deinen besten Facebookfreund „Sugar Mountain“ ab. Auch, wenn Du ihn nicht in Deiner Liste siehst; er war vom ersten Tag an Dein stetiger Begleiter und weiß immer, was Du gerade tust. Denkst. Fühlst. Verlangst. Siehst. Hörst. Wünschst. Kaufst… Ich könnte diese Phrase unendlich fortsetzen. Ja, er weiß auch bald all jene Dinge, die Du nur in Deinen heimlichen Gedanken mit Dir trägst.

Ich möchte Euch und mich nicht lange mit den Begebenheiten aufhalten, die zu Facebook führten. Ein jeder, der „The Social Network“ gesehen hat und die Zeit besitzt, das unzensierte Internet zu durchforsten, weiß aus sämtlichen Quellen, dass es so oder etwas anders dazu geführt hatte, wie es jetzt eben ist. Der junge Student Sugar Mountain hat seine Intelligenz und sein studiertes Wissen genutzt. Für eine anfangs recht unspektakuläre Sache. Und daraus ist ein derzeit 50-70 Milliarden schweres Unternehmen geworden. Mit einem steilen Wachstum nach oben, versteht sich. Und ich weise schon jetzt darauf hin, dass all meine Ansichten über Facebook aus unterschiedlichen Quellen, sowie auch aus eigenen Gedankengängen und Erfahrungen entsprangen, und somit auch nicht alle eindeutig belegbar sind. Erfahrungen und Quellen werden zu Vermutungen. Erst Forschungen liefern Ergebnisse. Und das kann Facebook. Es erforscht DICH.

Früher haben uns Straßen- oder Haustürbefragungen und Werbepost unheimlich genervt. Heute ist das nicht mehr nötig, weil Du dem Anbieter über Facebook durch das Klicken des „Gefällt mir“ Buttons schon signalisierst, dass Du von seinem Produkt überzeugt bist. Freunde von Dir sehen Deine Aktivität und werden dadurch vielleicht zu potentiellen „Neukunden“. Dein Freund muss Dich auf der Straße nicht mehr fragen, wie Dein geiler Duft heißt. Er weiß es bereits, weil Du es in Facebook angeklickt hast. Das ist das Geschäftsmodell von Facebook. Derzeit. Aber es entwickelt sich weiter zur Superlative unvorstellbaren Ausmaßes.

Wir sind ja nicht alle „Gefällt mir“ Klicker. Es gibt ja noch, wie im letzten Artikel erwähnt, die berühmten „Herzchen-Sammler“ und „virtuelle Schokolade-Verschenker“. Auch von denen profitiert Facebook, weil hinter jedem Klick eine mächtige Firma steht, die unserem besten Facebookfreund Sugar Mountain und seinen Mitbeteiligten Millionen in die Taschen spielt. Jeder Deiner Klicks auf einen Spruch oder ein Produkt ist für die Konzerne kostenlose Werbung in Deinem Namen. Und von den sogenannten Freundesammlern, die ich im letzten Text erwähnt hatte, profitiert Facebook und „Sugar“ das meiste, weil sie ihre „Werbung“ einer noch größeren Zielgruppe zugänglich machen.

Auch die unbewusste Beeinflussung seiner Mitmenschen macht sich Facebook zugute. Frau Mustermann, die ich im letzten Artikel schon erwähnte, erfährt nicht mehr von einer Freundin im Park, dass ihr das neue Top bei „Creation & Asozial“ so gut gefällt, sondern sie sieht auf Facebook, dass es auch drei anderen Freundinnen gefällt. Da beginnt der unbewusste Einfluss.

Leider wird über Facebook und seine Marktstrategie zu sehr das berichtet, was ich im letzten Absatz erklärt habe und was sowieso schon fast jeder 15jährige begreift. Über die Technologie dahinter und deren Ausmaß spricht kaum einer. Aber ich. Weder bin ich Student, noch ein recht guter Mathematiker oder Gelehrter. Aber ich besitze genug geistigen Horizont um aus 1+1 ein Ergebnis erzielen zu können, sowie man das auch aus Erfahrung, Quellen und Tatsachen tut.

Natürlich hat Dein bester Freund Sugar Mountain keine Zeit, um all Deine Statusmeldungen und Klicks zu lesen. Ich vermute, er liest nicht mal die seiner echten Freunde. Und trotzdem weiß er alles über Dich. Absolut alles. Und wenn er es heute noch nicht weiß, dann weiß er spätestens alles über Dich, wenn Du über Deine ersten grauen Haare an Deiner Pinnwand berichtest. Und selbst, wenn Du es nicht tust, werden es Deine Freunde auf Deinen Bildern irgendwann kommentieren. Oder sie erzählen es sich untereinander im Chat. Und auch, wenn Du deren Kommentare löscht; Sugar Mountain hat alle Infos noch im System und darf es laut Deiner Einverständnis in die Datenschutzerklärung auch weiterhin verwenden. Und nicht nur Deine gelöschten Kommentare, Deine gesamte Identität und Dein ICH.

Alles beginnt schon dabei, wenn Du Dich registrierst und vor Allem, das WIE. Sugar Mountain möchte Dir nicht im Vorfeld schon eindeutig klar machen, dass Du ALLES über Dich Preis gibst, wenn Du Deine Profileinstellungen nicht peinlich genau beachtest.

Regel Nr. 1: Ist Dir alles scheißegal, oder noch besser; Du bist ein Narzisst und zählst zudem noch zu den Freundesammlern, die stündlich und minütlich Anerkennung durch Kommentare und „Gefällt mir“ Klicks brauchen, dann lies hier erst gar nicht weiter, verwende möglichst Deine echte Identität und spritz ab, wenn wildfremde Menschen auf der Straße Deinen Namen rufen.

Regel Nr. 2: Möchtest Du nicht in diesem unbezahlten, milliardenschweren Werbestrom mit schwimmen und Deine eigene Identität bewahren, dann lies weiter oder lösch Dich aus Facebook. Oder hör auf Dein Gefühl und benutze es in gesundem Maß. Das machen aber leider die wenigsten.

Ich komme nun auf eine ganz andere Seite von Facebook zu sprechen. Nicht, nur, dass Du mit jedem einzelnen Wort, das Du auf Deiner Pinnwand veröffentlichst, eine gute, unbezahlte Werbefigur für Sugar und seine Investoren bist; Facebook erstellt aus den Informationen, die Du anderen zugänglich machst, Deinen „inneren“ Fingerabdruck – eine geistige DNA. Dies machen unzählige, programmierte Algorithmen möglich, die in das System eingepflanzt sind. Waren sie zuvor noch dafür gedacht, Dein Konsumverhalten zu kontrollieren, zielen sie nun auf Deine Persönlichkeit. Nach nicht mal zwei Jahren aktiver Schreiberei und Klickerei weiß das System nun, wer Du bist. Selbst jene geheimen Wünsche, Vorstellungen und Gedanken und seien sie noch so verboten, wird das System über Dich entschlüsseln.

Heute wird Dir noch die Seite „Scheiße“ empfohlen, weil sich das Wort in unzähligen Deiner Beiträge wiederfindet. Morgen weiß Facebook, in welche Behandlung Du Dich begeben musst, weil Du depressiv oder schizophren bist. Und Du gehst irgendwann hin, weil einer Deiner Facebookfreunde auch dort war und es weiter empfohlen hat. Dein bester „Freund“ Sugar Mountain sitzt in seinem lederbezogenen Stuhl und rechnet weiter. Und bald ist Dein innerstes, Deine zweite DNA geboren. Nicht etwa, weil Du ALLES über Dich an der Pinnwand schreibst. Allein Deine oft und meist benützten Wörter und Klicks, dazu zählen auch all Deine Kommentare, durch Algorithmen gedreht, verwertet, gezählt, und wieder durch mir unbekannte Programme gedrescht, spucken ein Ergebnis aus: DICH.

Ich möchte mir und uns nicht ausmalen, was geschieht, wenn es zur Fusion zwischen GOOGLE und Facebook kommen würde. Unweigerlich könnten diese Institutionen zur totalen Personenüberwachung genutzt werden. ALLES, was sie anbieten, selbst die legendäre Suchmaschine, erstellen Dein Profil. Glücklich ist, wer heute noch kein I-Phone besitzt oder Facebook nicht über Handy nutzen kann. Wer darüber glücklich sein kann, ist konsumgeil und wird auch künftig jeden Scheiß mitmachen. Ohne nachzudenken, zu was er führen könnte.

Ein Freund schrieb vor ein paar Wochen an seine Pinnwand: „Facebook fördert die Scheu vor Menschen. Zum Glück hab ich kein Internet mehr!“ Ich hab da nicht nur auf „Gefällt mir“ geklickt, sondern auch kommentiert, dass da durchaus was dran sei. Welcher von den eingefleischten Facebookern besucht denn noch seine Freunde an Regentagen? Sie hocken alle Zuhause vor ihren Laptops und beschweren sich, wie langweilig es ist, spielen Farmville, oder nerven ihre durchschnittlich 130 Freunde mit massenhaft Youtubevideos, die im Endeffekt doch kaum einer ansieht. Ein Phobiker, der sowieso schon mit seiner Umwelt zu kämpfen hat, verliert durch Facebook sehr schnell das Gefühl der Einsamkeit. Und umso einsamer er im realen Leben wird, umso mehr wird er zu erzählen, zu klicken und zu beschweren haben. All das, selbst jedes von dir geschriebene Smiley, merkt sich das System hinter Facebook. Vielleicht gehen wir Menschen irgendwann gar nicht mehr vor die Türe, weil wir doch bald alles über Facebook tun können. Nur eben virtuell. Die echten Gefühle bleiben da aber auf der Strecke und schon heute wundere ich mich manchmal, wie verschieden manche Freunde auf mich wirken. In Facebook so, privat ganz anders.

Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten: Du verkaufst Deine Seele an Facebook; warum nicht gleich dem Teufel? Wenn Du schon in dieser Sucht drin bist, wirst Du nur schwer wieder herauskommen. Es zielt doch alles darauf hin, dass eines Tages ohne Facebook gar nichts mehr läuft. Schon heute bekommt man zur Antwort, wenn man keinen Facebookaccount besitzt: „Alter.. aber sonst alles OK? Strom und Wasser haste schon?“

Grob betrachtet sieht es so aus: Du bekommst die Vorteile (Alte Freunde, Neue Freunde, Veranstaltungen, Werbung, Anerkennung, schnelle, unkomplizierte Kommunikation mit der gesamten Welt, auf Dich zugeschnittene Angebote und Unmengen mehr…), die Dir durch Facebook zuteilwerden, gratis. Und dafür verkaufst Du am Ende dieses Geschäfts Deine Seele. Ist das wirklich das, wonach wir streben?

Damit, wonach wir streben und was wir dafür bekommen, befassen sich meine Gehirnwinde im nächsten Artikel, wo Facebook nur noch eine unerhebliche Nebenrolle spielen wird.

John

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Sommergewitter

unwetter05Alle Wiesengräser wiegen
sich zeitgleich mit dem Wind.
Wenn Vögel tiefer fliegen,
Gewitter nicht weit sind.

Zuerst sonnig, weiß und blau,
in drückend schwüler Hitze
wird der Himmel nun schwarz-grau,
und ich sehe erste Blitze.

Ein Donner folgt in warmen Grummeln,
eh’ der erste Tropfen fällt.
Die Vögel scheinen zu verstummen,
während ein Sturm Einzug hält.

Wilde Wolken treibt er her,
beutelt Bäume, knickt sie ein.
Auch der Hagel schlägt nun schwer,
alle Pflanzen kurz und klein.

Die Natur lässt der Gewalt
nun ihren freien Lauf.
Es rummst, es kracht, es knallt;
selbst die Katze wacht nun auf.

So schnell ist es vorbei,
wie es erst begann.
Auch die Wehr eilt schon herbei;
man räumt und hilft, wo man nur kann.

So wie der Mensch, auch die Natur,
möcht’ zur Wehr sich setzen.
Sei gut zu ihr, versteh’ sie nur,
gewiss, sie wird es schätzen!

(07.06.2011 - 17.30)

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Vatertag

Ich sitz’ vor einem leeren Blatt Papier
und weiß nicht was ich schreiben soll.
Stunden sitze ich so hier
und höre Bach von Dur bis Moll.

Ich würd Dir gerne sagen,
was mich heut bewegt.
Jedoch an solchen Tagen
ist’s der Gram, der mich erschlägt.

Drum find’ ich keine Worte,
bleibe still und stumm.
Der Elan, der einst rumorte,
ist schon wieder um.

Ich wünsch’ mir oft so sehr,
ich könnt’ ein wenig sein wie Du.
Mein Herz bleibt einsam, mein Geist ist leer,
und ich seh Dir zu
und träum’ von dem, was wär’,
wär’ ich ein bischen mehr…

…wie Du.

Ich danke Dir für 31 Jahre,
deines stetig Vater-seins.
Alles, was ich heut erfahre,
alles das, das war mal Deins.

(02.06.2011 - 16.40 für Dad)

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