Atemlos

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urlMeine noch vor kurzem noch so neue, strahlende Fassade ist abgefallen. Zum Vorschein kommen alte Ernüchterung, Farblosigkeit, Unmut. Nichts hast du geschafft, John.  Wie gern wär ich einer von denen, die nichts darauf geben, was andere von ihnen halten oder über sie denken. Wie gern wär ich einer, der ohne den ständigen Input von außen leben kann. So einer bin ich aber nicht.

Alles schien mir bis vor wenigen Wochen noch so neu und glückbringend. Neugierig tastete ich mich an neue Wagnisse heran, dankbar trank ich Säfte des Lebens, die mir in den Jahren zuvor sehr bitter geschmeckt hatten. Ein leuchtender Stern hing über mir und begleitete mich in vielen Situationen, die ich über Jahre gemieden hatte. Keine Manie war es, auch wenn es so aussah. Es war über einige Wochen und Monate eine gesunde Einstellung zum Leben. Ich weiß nicht genau, woher ich sie nahm. Keine stimmungszerfetzenden Vollräusche mehr, keine unfairen Anfeindungen, kaum ein Windhauch einer Depression, ja sogar auf Menschen ging ich wieder zu und konnte einige Zeit des Tages unter ihnen verweilen. Ich besuchte Straßencafés, Schwimmbäder, reiste mit der Bahn und einige Male sogar mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und ich übernachtete sogar bei einer fremden Familie. Es war ein sehr positives Erlebnis. Jeweils ohne berauschende Mittel wie etwa Alkohol oder Gras. Durch Fußgängerzonen deutscher Städte war ich geschlendert und genoss den Trank meines Leben2.0.

Ich klärte meinen gesundheitlichen Krisen nach und nach ab, war sogar bereit, wegen meiner „Psychischen Krisen“ wieder eine Therapie zu beginnen. Alsbald flammte dann auch ein ungeheurer Drang in mir auf, wieder arbeitsfähig zu sein zu können und eine Art Tagesstruktur zu erleben. Freiwillig kämpfte ich mich zu Arbeitsagenturen, Ärzten, Krankenhäusern, konnte meine Termine fast immer wahrnehmen und schrieb sogar wieder an meinem Buch. Viele Wochen gemäßigten Klimas ließ ich über mich ergehen, auch Tage auf Zehen schleichend, ohne dass sich meine kindische Seele vor Schmerz windete. Das pralle Leben, welches ich zumeist auf meinen Städtereisen erleben durfte, entschädigte die mäßigen und monotonen Phasen. Dann erlebte ich romantische Wälder, in die die Hörner Eichendorffs bliesen und die linde Schalmei Mörikes über die Wiesen hallen. Aber je mehr Ruhe mir entgegenkam, umso mehr schwoll, rührte und wogte es sich in mir. Und allmählich verwandelte sich die einst so blasse, sentimentale Sehnsucht  nach Leben in tiefe, unmenschliche Unrast, ein ungeduldiges, suchendes Ergriffensein meines gesamten Wesens, das immer etwas anderes, etwas Wesentlicheres wollte, das eines von jenen ist, welches eine mehrmalige Pubertät hat, ein immer Neubeginnen der Jugend.

Und doch ruhte da immer noch jenes grauenvolle, schwarze Loch in meiner Seele, jene tickende Zeitbombe, für deren Explosion schon der sanfte Flügelzug eines Schmetterlings ausreichte. Warum so etwas, wenn auch viel seltener und in größeren Abständen, immer noch mit mir geschieht, vermag ich nicht recht zu erklären. Sind es die tristen Regentage, die mich an mein Zuhause gefesselt zum Nichtstun verdammen? Ist es die stark gefühlte Abneigung einiger mir wichtiger Menschen gegen mich? Ist es der stetige Rückblick in mein chaotisches Leben, das mir vielleicht besser gefiel? Oder etwa der Umstand, dass ich seit bald zwei Jahren ein Singleleben lebe, welches mir absolut verdrießlich und grauenvoll ist? An meiner äußeren Erscheinung liegt es nicht. Aber wohl am Alter. Mit 25 Jahren war es noch nicht primär, wie ich aussehe, heute mit 32 fühle ich mich ausgemustert, und das, obwohl man mich äußerlich kaum älter als 25 Jahre vermutet. Und auch mit 32 Jahren bin ich noch nicht am Ziel. Weil ich weiß und immer wusste, dass ich kein Einheitliches bin, dass nicht etwa eine oder zwei, sondern tausende Seelen in meiner Brust wohnen; der sanfte Mitbürger und der wilde Wolf, der Asket und der Sinnesgierige, der Sternensucher und der Kriminelle, der milde Schwärmer und der derbschlächtige Abenteurer, der neurotische Selbstquäler und der unersättliche Genießer. Einsam, feindlich und ungerecht stehe ich gegen dieses Leben; aber nicht hasserfüllt anklagend, sondern leidend als zerrissener Sonderling, die Fetzen meines Wesens in seinem lärmenden Sturme flattern lassend, der Meinung, dass der Mensch, der in ihm zu triumphieren hoffte, von ihm vollends zerstört wird. Und in diesem Untergang fühle ich noch einmal alle Seligkeit und alle Qual dieses versinkenden Menschen, der zum Idealen strebt, am bürgerlich-ordnungsmäßigen klebt, wie einer meiner Art sich selbst und alles andere zerbrüllt und zerbeißt, sich nach Ewigkeit sehnt und an süßen Sinnlichkeiten sich entzückt.

Seit meinem Ausbruch am letzten Freitag, der sich in Alkoholrausch, lauter Musik, ungeheurer Zerstörungswut und persönlichen Angriffen anderen gegenüber äußerte, sind diese farbenprächtigen, warmen Bilder der Monate zuvor grau und verschwommen; Eichendorffs Hörner sind verstummt, und der Stern, der mich stetig begleitete, ist gefallen. Es entlud sich mit einer schier hemmungslosen Brutalität und Heftigkeit meine Angst und mein Zorn, Wut und Melancholie und die verzweiflungsvoll klare Einsicht in meinen Seelenzustand. Atemlos sitze ich vor mir und kann mein Ebenbild nicht mehr erkennen. Es wirkt auf mich fremd und verschwommen, als hätt‘ der Herbst die Farben des Sommers genommen. Meine guten Vorsätze sind nicht gegangen; sie sind jetzt nur sehr fern. Der Weg zu meinen Zielen ist weiter geworden. Einige Tage nach meiner Seelenexplosion fiel ich in einen Dämmerzustand und in eine unglaubliche Scham über diese vielen schlechten Seelen in mir. Ich bin auch maßlos traurig darüber, dass man meinen Verhaltensweisen nachsagt, sie seien der Grund dafür, dass einige bestimmte Menschen, die mir noch heute wichtig sind, mit mir nichts mehr zu tun haben wollen würden. Und bei jeder falschen Reaktion, und sei sie noch so menschlich und nachvollziehbar, heißt es dann: Ja, typisch Borderliner. SO sind sie eben. Allein dieser Gedanke raubt mir meinen letzten Verstand.

Manchmal wünsche ich mir, ein Mensch steht da vor mir, der meine Fesseln löst und mich an der Hand nimmt, mit ins Leben. In dieses pralle Leben, von dem die Menschen immer so erfreut berichten. Dieses Leben, welches ich immer nur so kurz leben darf. Immer wieder falle ich in das Loch dieser unerträglichen Angst und Lethargie und weiß nicht, wie ich mich daraus befreien soll.

“Mein Leben war mühsam, irrläufig und unglücklich gewesen, es führte zu Verzicht und Verneinung, es war bitter vom Schicksalssalz alles Menschentums, aber es war stolz und reich gewesen, auch noch im Elend ein Königsleben! Möchte das Stückchen Weges bis zum Untergang vollends noch so kläglich vertan werden, der Kern dieses Lebens war edel, es hatte Gesicht und Rasse, es ging nicht um Pfennige, es ging um Sterne.”

(Hermann Hesse, 1927)

John

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