Begraben. Akt II – Tragödie

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herzgebrochen_1521Freudestrahlend laufe ich ihm entgegen. Er strahlt nicht. “Als hätte ich es gerochen, dass ich Dich unterwegs treffe” begrüße ich ihn. “Kannst deinen Rucksack auf den Rücksitz machen” sagt er und lehnt den Sitz nach vorn. Seltsame Begrüßung nach anderthalb Wochen.

Wir fahren los. Die Frau im Navi führt ihn falsch. Er fährt die halbe Strecke zurück und nach einem 10-minütigen Umweg sind wir auf der richtigen Route. Ich mische mich nicht ein, bleibe still, versuche ihm nicht reinzureden. Ich fühl mich komisch. Er bietet mir zweimal eine seiner letzten Zigaretten an. Während der Fahrt sprechen wir nicht viel. Belangloses. Er zeigt mir den Kindergarten, wo er damals war, während wir vorbeifahren.

Um 16.05 Uhr erreichen wir Gingen bei Heidenheim. Simon parkt in der Tiefgarage. “Fahren wir danach nach Dillingen?” frag ich ihn. “Hm.. ich wollt eigentlich auf Günzburg. Mit der Lea.” “Achso?” frag ich sichtlich pikiert. “Hatten doch ausgemacht, den Rest der Zeit in Dillingen zu verbringen.” “Warst noch nicht am Grab?” fragt er. “Na woher komm ich denn, Maus? Noch nichmal bis dort kam ich.” “Achso, OK. Wo wartest Du?” fragt er. “Ach, ich werd mich in den Läden ums Eck ein wenig umsehn.” “Na OK, ich lass anklingeln, wenn ich fertig bin, wird nicht lange dauern” meint er und geht durch die Praxistür.

Nachdem ich bei KIK ein Parfüm gekauft habe, setz ich mich in das Straßencafe um die Ecke, mit Blick zum Praxiseingang. Erst warte ich ewig auf die Bedienung, ehe ich dann reingeh und auf mich aufmerksam mache. Sie entschuldigt sich, dass sie mich nicht gesehen hatte. Ich bestelle eine Apfelschorle und suche die Toilette auf.

Nach einer geschlagenen Stunde verlasse ich den Tisch und laufe umher. Ich fühle mich seltsam unwohl in der Magengrube. Um viertel nach fünf kommt Simon durch die Praxistür. Er lächelt kurz und zeigt stolz seine freien Oberzähne. Wir fahren nach Dillingen. In Gundelfingen halten wir kurz an einem Blumenladen. Ich kaufe eine weiße und eine rote Rose.

Wir parken bei Netto in Dillingen und laufen zum Friedhof. “Gehn wir anschließend noch wo hin?” frage ich. “Hm.. ich muss um 18.00 Uhr daheim sein.” erwiedert er kühl. “Was? Wir haben aber schon fünf vor. Das fällt Dir ja früh ein. Wieso musst Du denn plötzlich um 18 Uhr daheim sein?” “Ja, meine Oma sagt, ich hab zu wenig geschlafen.” antwortet er knapp. Aha. Mag das glauben, wer mag. “Und wie schaut’s jetzt wegen Morgen auf Donnerstag aus? DU wolltest doch…” Ich muss lernen, geht leider nicht. Wir schreiben nächste Woche in der Berufsschule Probe.” fällt er mir ins Wort. “Aha. OK.”

Das Grab ist relativ schnell gefunden. Simon sucht den Kranz meiner Family. Ich entdecke ihn. Der Namen meines Vaters, Bruders und mir ist darauf in goldenen Lettern gedruckt. Ich lege die weiße Rose auf ein Holztischchen, das mit einem Bild von ihr geschmückt ist. Mir wird immer unwohler. Mich überkommt eine Mischung aus Angst, Simon zu verlieren und die stille Trauer über den Tod meiner Oma, die anderthalb Wochen zuvor noch besuchen wollte. Ich weiß im Moment nicht, welches Gefühl schlimmer für mich ist. Ich möchte ihn so gern, fragen, was los ist; ich schaffe es aber nicht.

“Gehn wir” sage ich. Ich muss Dich aber jetzt nicht extra nach Günzburg fahren, oder?” fragt er. Nein, musst Du nicht.” antworte ich kühl. “Soll ich Dich zum Dillinger Bahnhof fahren?” fragt er weiter. Nein, danke. Ich bleib noch in der Stadt.” erwidere ich abermals kühl, mit einer Brise Enttäuschung in den Augen. “OK. Für wen ist die zweite Rose?” fragt er und sieht zur Rückbank. “Die… ist für Dich.” Ich nehm das Stoffherz mit der Maus drauf aus dem Rucksack und geb es ihm. “Danke” sagt er leise und macht dabei eine seltsame Mimik, die mir tausend Bände erzählte. “Bekomm ich noch n Kuss?” frage ich. Er gewährt. Tief in mir spüre ich, dass es der Letzte war. “Ciao” sag ich und seh ihm noch einmal in seine verführerischen, himmelblauen Augen, ehe ich die Beifahrertür schließe und er ohne eine Geste abfährt. Er dreht sich nicht um.

Grausame Gedanken überkommen mich. Während ich wie ferngesteuert durch Dillingen laufe, schreib ich Simon um 18.11 Uhr eine SMS: >>Ich hab das starke Gefühl, dass Du mir aus dem Weg gehst und mich nur schnell loswerden wolltest. Hatte mir unser Wiedersehn ganz anders vorgestellt. Von Liebe ist da doch nichts mehr. Gestern am Telefon hattest Du noch ganz andere Töne angeschlagen -.- <<

Danach schalte ich beide Handys ab und beschließe ich, meine Nüchternheit zu beenden. Ich komme an der Parkbank vorbei, wo ich als ca. 15jähriger meine erste Zigarette im Mund hatte und gar nicht so wirklich vertrug. Ich schieße zwei Bilder.

Ich muss dringend pissen. In einem griechischen Lokal gehe ich aufs WC. Ich bin so derart verplant, dass ich dort meine Sonnenbrille liegen lasse und nochmal 200 Meter zurück muss. Die beiden Simon-Lieder sind verstummt. Stattdessen tönen schwere, barocke Klassikstücke durch den MP3. Ich werde immer verzweifelter.

Diese Mischung aus einer seltsamen Gewissheit, dass mein Traum vorbei ist und aus den Orten in Dillingen, die Erinnerungen in mir aufflammen lassen, macht mich schier wahnsinnig. Meine Augen werden feucht. Während ich so durch die Stadt laufe, riecht es stellenweise nach Dillingen, nach Heimat, nach Vertrautem. Ich atme es tief ein, weil ich vermutlich zum letzten Mal in dieser Stadt bin.

Ich laufe zu Omas Haus. Der Weg dorthin, die Schützenstraße, ist nicht wieder zuerkennen. Ich verweile einige Minuten vor dem Haus und sehe in den Garten. Der große, alte Kirschbaum ist weg. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie Großmutter im Beet bei ihren Gurken steht. Ich gehe zurück, laufe zur Donaustraße, weil ich Marcel versprochen hatte, Bilder von dem Haus zu schießen, indem er damals wohnte. Mit Marcel und seinem Bruder Patrick war ich um 1994/95 dort recht gut befreundet. Wir hatten uns dann vor ein paar Wochen über Facebook wiedergefunden.

Ich laufe wieder zurück, am Lustgarten vorbei, wo Manu damals wohnte. Sein Nachname an den Klingelschildern ist verschwunden. Ich trotte über den Schlossgarten zu dem Cafe, wo Simon, Michi, Alex und ich vorletzten Sonntag noch saßen. Laufe weiter, Richtung Industriegebiet und kaufe mir bei Kaufland vier Bockbier und Brillenputztücher. Ich war eigentlich immer total gegen diese Dinger; aber es ist mir im Moment scheiß egal. Meine Sonnenbrille beschlägt ständig.

Ich mach den Dillinger Bahnhof ausfindig und trink dort ein Bockbier. Danach geh ich in den angrenzenden Getränkemarkt, hol mir noch zwei Salvator und setz mich in den Taxispark. Es ist viertel nach sieben. Ich schalte kurz mein Handy an, um nach SMSen zu sehen. Vier entgangene Anrufe von Simon. Ich habe gerade wirklich nicht den Nerv, mit ihm zu sprechen und schalte wieder ab. Ich trinke noch zwei Bockbier und trotte zum Bahnhof. Ich möchte nicht nach Hause. Ich steig in irgendeinen Zug ein, in der Hoffnung, er würde überall hinfahren, nur nicht nach München. Irgendwann aber stehe ich in Augsburg. Simon schafft es, mich ans Telefon zu bekommen und versucht wieder, meine Gewissheiten zu begraben. “Jetzt halt mich doch nicht ständig für blöd, Simon!” sag ich ihm. Und dass er aufhören soll, mich zu verarschen. “Am Samstag bin ich doch da, dann ham wir mehr Zeit für uns.” Wirklich glauben tat ich nimmer daran.

Irgendwann gegen 23.00 Uhr bin ich in Pasing. Klaus kommt mir am Schlagweg entgegen. Zuhause angekommen sitzt Michi noch bei mir und meint, es wäre besser, ihn ziehen zu lassen. “Der verarscht dich doch nur!” sagt er wiederholt. Ich aber, möchte ihm irgendwie noch glauben…

“Akt III – Horror” folgt noch HEUTE

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