Die Gayromianisierung der schwulen Szene

GayromeoEinige meines Semesters Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre wird die Zeit noch kennen, als man sich über Szenekneipen oder Kontaktanzeigen in verschiedensten Printmagazinen kennenlernte. Damals gab es sogar noch „Blind Dates“. Wie verrückt mag das wohl für Euch jüngeren Schwulen von heute klingen. Blind Date. Hat der kein Iphone? Keine Cam? Ne, der ist sicher komisch drauf. Ich gebe zu, auch ich treffe mich seit dem Zeitalter des Internets, Gayromeo, erschwinglichen Digicams und Smartphones nicht mehr mit Menschen, von denen ich nicht mindestens ein Bild vorher gesehen habe. Das Problem, das sich seit der Gayromianisierung der schwulen Szene in unser Leben schleicht, ist ein ganz anderes.

Und zwar die schier unendliche Auswahl. Auswahl zwischen dem Katalogmodel, dem Traumboy, oder dem Typen von nebenan, bis hin zu nimmersatten Daddys oder Fetischtypen. Vor ca. zehn bis zwölf Jahren, als noch nicht jeder die technischen Voraussetzungen für Bilder in seinem Profil besaß, traf man sich einfach und auch wenn drei Male hintereinander kein Traumtyp dabei war, so hatten diese Treffen doch immer einen gewissen Reiz. Den Reiz des Unbekannten.

Wer zufällig wie ich die Anfangsjahre des schwul-gemischten Internetcafés Kr@ftAkt in München miterlebt hat, weiß sicher von was ich spreche. Die Plätze an den Rechnern waren meist bis auf den Letzten belegt, zumal damals auch nicht jeder einen eigenen Rechner oder Internetanschluss besaß. Wer diesen Ort heute, elf Jahre später besucht, wird feststellen, dass die Bildschirme und PCs mittlerweile nicht mehr nötig sind, da ohnehin ein jeder der jüngeren Generationen in den Bildschirm seines Smartphones starrt und wie wild darauf herum tippt. Blickkontakt herrscht, wenn, dann nur noch unter Leuten, die sich wirklich gefunden haben. Der moderne Schwule von heute ist immer extrem busy und immer on the way. Und gefragt muss er natürlich auch sein, woher sonst sollte er seinen aktuellen Marktwert kennen, wenn nicht durch die Likes, die er mit dem neuesten Schnuten-, Grinse- oder extrem-bös-guck-Gesicht auf Facebook erschnorrt. Von im Schnitt vierhundert „Freunden“.

Kommen wir zurück zu Gayromeo. Oder gerne auch jeder anderen Plattform, auf der man sich so tummelt; aber das Herzstück ist und bleibt nun mal die besagte Community. Ich habe festgestellt, dass man als User oft eine von vielen ungeahnten Hintertürchen ist, die sich das Gegenüber offen hält, um möglichst „noch einen Besseren“ zu finden. Das mag zunächst nicht viel anders als auch im realen Leben sein. Das fiese aber daran ist, dass die Typen ihr dummes Maul nicht aufbekommen, Dir einen ehrlichen „Korb“ zu reichen, sondern weiter mit Dir chatten, dir manchmal auch ein (nachlassendes) Gefühl von Interesse geben und immer einen Grund finden, warum sie grad keine Zeit für ein Treffen haben. Ein kluger Mann wie ich resigniert und hakt den Kontakt ab. Mangelt es ihnen an Selbstbewusstsein? Nein, nicht immer. Oft melden sie sich sogar Monate später wieder, weil das mit dem Ex oder wem auch immer nun doch nicht geklappt hat. Ein kluger Mann (wie ich) schickt den Burschen in die Wüste.

Es gibt dann aber auch noch solche, die in ihrem Profil schon vorheucheln, dass Sexdates ein No-Go sind, treffen sich mit Dir, holen sich, was sie in Wirklichkeit wollen (Sex, weil Du sagst ja schließlich nicht nein) und heucheln dann weiter, wie schön es bei Dir war, wie wenig Zeit sie jedoch für ein zweites Treffen haben, sitzen aber jeden Tag nach Feierabend mit Freunden im Kraftakt oder daten sich mit dem Nächsten. Wer schlau ist, findet das relativ schnell heraus, der naive Dumme läuft ihm ewig hinterher.

Nun, das waren nur zwei Beispiele von den unzählig möglichen, die wir in unserer täglichen Gayromeo-Lethargie erleben; sie zeigen aber eines deutlich auf: Wer im heutigen Zeitalter der Internetisierung von Partnersuchen lebt, hat es schwieriger, den Richtigen zu finden, als dies zuvor der Fall war. An einem weiteren, drastischen Beispiel, das ich vor Jahren selbst erlebt habe, möchte ich diese Aussage erläutern:

Vor einigen Jahren fiel mir ein sehr gutaussehender Junge bei Gayromeo auf und ich schrieb ihn an. Ich war erstaunt, dass er sogar antwortete; er war höflich und meinte, ich sei nicht so sein Typ. Nun gut, damit kann ich leben; das ist ehrlich. Ein paar Wochen später war ich mit einem guten Freund im Kraftakt. Ja, auch ich verirre mich wenige Male im Jahr trotz meiner Szene-Aversionen noch dort hin, weil es mir eigentlich ganz gut gefällt. Das Ambiente, der Service, manchmal auch wirklich nette Gäste, die nicht von der Münchener Oberflächlichkeit gesegnet sind. Als ich zum Rauchen nach draußen ging, kam mir wenige Sekunden später ein junger, gutaussehender Typ hinterher, der mich um Feuer bat. Er kam mir irgendwie bekannt vor. Er fragte mich ob, ich der aus Gayromeo sei und nannte meinen und seinen Nick. (Der im Übrigen nicht schwer herauszufinden sein dürfte) Nach kurzer Zeit bejahte ich, als mir bewusst wurde, dass er der Junge war, dem ich einige Wochen zuvor auf meinen Bildern nicht so sehr entsprach. Dieser Junge machte mir sehr schnell unverblümt klar, dass ich total sein Typ sei und dass ihm „der Korb“ von vor ein paar Wochen total leid tue. Muss wohl an meinen Bildern gelegen haben. Dieser Junge ging auch mit mir nach Hause, verbrachte eine heiße Nacht mit mir, ehe er mir am nächsten Morgen (genauso ehrlich, wie auf Gayromeo) erklärte, dass er mittlerweile leider einen Freund habe und ihm auch das total leid tue.

Daraus entstand wohl der Gayromeo-Grundleitsatz: WER DICH WILL, DEN WILLST DU NICHT, DOCH WEN DU WILLST, DER WILL DICH NICHT.

Die Jungen wie die Alten im Web sind zum Großteil sexbesessen; kaum einer von ihnen schert sich mehr um wirkliche Werte wie Vertrauen, Verstand, Humor, Ehrlichkeit, Geborgenheit. Geltungssucht, Partys, Sex und Lügen bestimmen das Alltagsbild. Wenn man das mit dem männlichen Fortpflanzungstrieb vereinen könnte, würde ich mir hier einige Silben ersparen. Aber gerade bei uns Schwulen?

Vielleicht bemerken wir eines Tages ja doch, dass uns die Gefangenschaft im Onlinewahn kein Stück weiterbringt. Die Liebe ist dort ein Spiel und Du bist womöglich der Verlierer, weil Du ausgenutzt wurdest, Du kannst aber auch Gewinner sein, wenn Du weißt, was Du willst, oder wenn Du einfach nur eine unbezahlte Nutte unter vielen hier bist. Dann lernst Du wenigstens die Wertschätzung Deines Körpers kennen.

03.05.2013-22.55

2 thoughts on “Die Gayromianisierung der schwulen Szene

  1. Sednaoui

    Ich bin Ende 20 und muss ganz ehrlich sagen, ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich muss sagen FRÜHER WAR ALLES BESSER

    als ich 18 wurde, habe ich mich dort bei Planetromeo 2004 angemeldet und ich war zu dem Zeitpunkt auch auf Dbna und Gaychat,

    Damals waren diese Portale nicht so voll von Oberflächlichen Typen und Sexdate-Suchern.

    Ich wurde damals von Usern angeschrieben mit richtig tollen Texten und keinen Standardtexten und Sex-Anfragen.

    Das Resultat= Ich habe mich in nur wenigen Monaten mit vielen lieben und netten Jungs/männern getroffen. Hatte 5 Beziehungen in 8 Jahren.
    Wie es so oft ist, halten die Beziehungen wenn man jung ist nicht so lange.

    Nun bin ich seit 2011 vermehrt auf Planetromeo unterwegs und muss sagen, ich bin total enttäuscht.

    Es mag daran liegen, dass ich nun keine 18 mehr bin und für die normalen Typen nicht mehr so interessant bin.

    Aber ich werde nur noch von vielen älteren und Sexdate-Suchern angeschrieben . Rechtschreibfehler und verdächtig nach Standard-Copy and Paste NaCHRICHTEN tun ihr übriges.

    Fragezeichen nach Sätzen wie LUST AUF DATE , LUST AUF SEX nerven mich hierbei besonders.

    Und nun ja ich schreibe ab und an welche an und ich erhalte nie eine Antwort.
    Und ich schreibe nicht nur Schönlinge oder super toll aussehende Typen an.

    Ich bin nicht oberflächlich, ich habe auch nichts gegen Typen mit Bauch und stämmige und so aber selbst von denen kriege ich keine Antwort.

    und nicht nur mir geht es so. Viele Freunde berichten ähnliches.

    Die Oberflächlichkeit ist auch sehr gestiegen, ich kenne Fälle, wo Freunde von mir mit stämmigen Typen gechattet haben und per Skype Videochat den Freunden von stämmigen mitgeteilt wurde, dass sie nicht auf normalgewichtige stehen sondern auf schlanke oder athletische

    naja ich bin mittlerweile sehr skeptisch was gayromeo anbelangt,

    Leute draussen kennenzulernen ist viel besser

  2. Lars Maier

    Genau so ist das. Es ist gar nicht so einfach, einen Menschen über Bilder Telefon, Video Fernsehen kennenzulernen. Der erste wirklich persönliche Eindruck ist viel wichtiger.
    Andersrum ist das einfacher, mit jemandem den man persönlich kennt kann man auch elektronisch ganz gut kommunizieren.
    Das ist auch kein Wunder: Bei den Datingportalen gehen viele nach “stats” und bei den Bildern nach Schlafzimmerblick und nach dem was sie für Sexi halten.

    Viele Grüße

    Lars

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