Ein ganz normaler Tag I

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depressionUnter Schwindelattacken und Brechreiz wache ich auf. Der Wecker zeigt noch nicht mal 5.00 Uhr. Ich lebe… Immer wieder ein Wunder. Vermutlich habe ich am Vorabend mein Alkohol-Limit, welches in den letzten Jahren immer niedriger wurde, stark überschritten. Oder ist es etwa wieder das Herz? Ich messe meinen Blutdruck. 171/110. Ach, das geht sicher wieder vorbei, wieso oft… hoffe ich vor mich hin und setze mich auf die Toilette. Dort überkommt mich dann ein Gefühl, dass ich nicht mehr weiß, ob ich scheißen oder kotzen muss, oder beides gleichzeitig. Ich entschließe mich fürs Kotzen und kann meinen Kopf noch gerade so in die Wanne halten. Die Essensreste meines nächtlichen Fressflashs schwimmen unverdaut in der Badewanne. Etwas Blut ist darunter. Ich trinke kaltes Wasser und versuche, die Badewanne von meinem Mageninhalt zu säubern. Dann muss ich nochmal kotzen. Diesmal kommt nur noch Wasser, Magensäure und ein bisschen Blut hoch. Nun fühlt sich mein Bauchraum an, als wäre ein Loch darin.

Benommen lege ich mich wieder ins Bett und trinke Wasser. Jetzt kommen die Angstzustände. Mein Herz rast, die Hände zittern und liegen in kaltem Schweiß. Ich schalte den Fernseher lauter, um mich von den unliebsamen Symptomen abzulenken. Vielleicht ein Baldriantee… Fröstelnd tapse ich mit eiskalten Füßen in die Küche und koche Wasser auf. Ich sehe einen Spalt durch den Rollladen. Draußen ist es noch dunkel und neblig. Wie auch in den vergangenen Wochen. Ich kann diesen Anblick kaum mehr ertragen.

Nach den ersten beiden Schlucken Tee wird mir nicht wohler, im Gegenteil. Nun steigt mir die Magensäure förmlich bis zum Rachen hoch. Schnell nehme ich eine Omiprazol und trinke die böse, schmerzende Säure wieder in den Magen hinunter, in der Hoffnung, dass sie dort bleibt. Das tut sie aber nicht, denn sobald ich mich flach lege, schwimmt sie wieder zurück. Inzwischen ist es sechs Uhr früh durch. In meiner letzten Verzweiflung baue ich einen Joint, um nochmal einschlafen zu können. Und irgendwann schlafe ich dann doch noch zwei, drei Stunden.

Wohlig und entspannt wache ich auf. Drehe und strecke mich, möchte nicht aufstehen, wünsche mir jetzt jemanden Bestimmten an meine Seite. Kein einziger Schmerz und kein Hauch einer Angst durchfahren meinen Körper. Ich genieße solche Aufwachtage, denn sie sind extrem selten. Im Fernsehen, das oft 24 Stunden meine ängstliche Stille berieselt, wird wieder von Schweinereien in Politik und Weltwirtschaft berichtet, von schweren Unwettern, von Selbstmorden und von dieser wochenlang anhaltenden Wetterphase, die nicht nur mir den letzten Verstand raubt.

Es läutet an meiner Tür. Herzrasen! Panik. Schweiß. Wer klingelt so früh bei mir? Zumal klingeln bei mir unerwünscht ist; im Allgemeinen wird an meiner Türe geklopft. Durch den Türspion erkenne ich einen Paketmann von GLS, jene meist osteuropäischen Typen, die total aufdringlich sind, wenn es darum geht, ein Päckchen loszubekommen. Wütend reiße ich die Türe auf. „Ein Paket für Herrn …. Können sie..?“ „Nein!“ brülle ich ihn an. „Kannst du nicht lesen? Klingeln nur nach Anmeldung! Keine Hausierer, Drücker, Zeugen und auch KEINE Fremdpost!“ lese ich ihm vor und zeige auf den Aufkleber unter meinem Klingelschild. „Aber…“ stottert er. „Nichts aber!“ Leg‘s vor die Türe und lasst mich endlich in Frieden mit euren Scheiß Paketen!“ erwidere ich und knall die Türe zu. Endlich hab ich mal was gesagt…

Wie jeden Tag in den letzten Wochen sitze ich dann betrübt an meinem Schreibtisch und sehe nach, was es bei Facebook neues gibt. Nachdem sich meine körperlichen Symptome etwas zurückgezogen haben, um mich schon bald wieder wie aus dem Nichts attackieren zu können, kommt wieder diese Traurigkeit in mir hoch. Ich sehe von meinem Schreibtisch direkt in diesen grauen November mit seinen toten Bäumen und den gelben Blättern zuhauf. Düstere Zukunftsgedanken, Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach ihm verwirren meinen Geist.

Oft höre ich solche Sätze wie: Schau mal hinaus in die Welt, wie schlecht es anderen Menschen geht. Du hast ein Dach über dem Kopf, hast zu essen und siehst noch gut aus. Aber als ich dann die neuesten Videos von den Fluten sehe, die ganze Dörfer verwüsten, geht es mir auch nicht besser. Ich werde noch depressiver. So schwimmt der Tag, begleitet von leidenden Violinenklängen, an mir vorüber und plötzlich ist der Nachmittag schon fast um und ich war außer im Keller an meiner Waschmaschine noch nicht mal draußen. Gestern auch nicht. Und vorgestern…und…

Klaus kommt vorbei und bringt mir wie so oft in den letzten Wochen meine nötigen Einkäufe oder Dinge aus der Apotheke mit. Ich bin froh, dass ich ihn habe. Sonst wüsste ich kaum jemanden, der das fast täglich für mich tun würde. Wir trinken ein Bier zusammen. Und meist wenn er geht, schließe ich schon die Rollläden. Ab 16.30 ist es schon recht dunkel.

Mein linkes Bein fängt schon wieder höllisch an zu schmerzen. Es fühlt sich oft nur noch wie ein Trum Muskelkater an. In der Angst, ich bekomm bald eine Thrombose, nehme ich eine ASS. Versuche zwischen den Sitzphasen etwas rumzulaufen und den Haushalt zu machen. Aber ich fühle mich so apathisch und träge, dass gerade für drei Teller reicht, die ich abwasche. Ich wünsche mir immer wieder diese beschwingten, guten Tage zurück. Meist ohne Schmerz und Kopfmüll. Meine Reisen nach Rosenheim, Kulmbach, Passau… Ich wünsche mir die Zeit zurück, wo ich abends von der Arbeit kam und mich FREI fühlte. Mein Unmut wird noch größer und ich trinke das Bier schneller aus, wechsle zum Rotwein.

Nun wird der Vehnenschmerz im Bein so unerträglich, dass ich nicht mehr normal sitzen kann. Ich stütze es auf einem Hocker ab oder suche ständig eine Tätigkeit, die mich zum Laufen animiert. Ich halte das nicht mehr aus. Nach ein paar Tütchen tritt endlich der gewünschte Appetit ein und ich wärme mir das Essen auf, das Klaus mitgebracht hat. Es füllt das große Loch, das ich mir heute Morgen in den Magen gekotzt hab. Aber es dauert keine Stunde, da vergesse ich die Beinschmerzen schnell, denn jetzt fangen Magen und Darm an, zu rebellieren. Säure steigt wieder auf, die ich wieder mit einem Magenmittel versuche, zu bekämpfen. Mein Darm windet sich vor Schmerz und stößt dabei so viel Luft aus, dass ich damit ein Fußballstadion füllen und vergasen könnte.

Dieser Tag inklusive dem Abend war wieder mal so grauenvoll und sinnlos, dass ich mich um 22.00 schon zu Bett lege. Nun fängt das linke Bein erst recht zu pochen an. Ich lege ein paar Kissen darunter und wälze mich stundenlang hin und her, ehe ich nach ein paar sauren Gläsern Wein und ein paar Tüten endlich weg bin…

Ich schrecke unter Atemnot auf und sitzeschweißgebadet im Bett. Schnappe und japse nach Luft. Genau im Übergang von der Einschlaf- zur Traumphase, zumindest kam es mir so vor, muss ich wieder mal das Atmen vergessen haben. Ich weiß nicht, was das ist. Herzrasen. Kurz vor zwei. Ich betäube die Angst mit Rotwein und schlafe irgendwann ein, in der Hoffnung, dass das nicht gleich nochmal geschieht. Bitte lass mich sterben, aber lass es mich nicht mitbekommen, denke ich tief in mir…

Und wieder beginnt ein ganz normaler Tag.

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