Ein Tag Leben

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EinklangDie letzten Wochen wurden durch meine Apathie immer unerträglicher, schmerzhafter und zurückgezogener. Bis ich am letzten Wochenende zum Umdenken kam. „So wie es jetzt ist, endet es in einer Katastrophe.“ Ich stellte ab Montag, Dienstag und Mittwoch einige schlechte Gewohnheiten wie das Rauchen und das „Rauchen“ abrupt ein, nahm meinen Behandlungstermin in der Kieferchirurgie wahr und bemerkte eine allgemeine, sehr plötzliche Besserung. Alkohol trinke ich kaum mehr, ein oder zwei Gläser Wein in den Abendstunden.

Herzrasen, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Verwirrtheit, Schwindel, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Schmerzen an fast allen Organen und in der Motorik, Schweißausbrüche, Paranoia, Panik… All‘ diese Symptome, die mich oft Tag und Nacht, manchmal über viele Stunden schier wahnsinnig machten und meinem Leben jegliche Qualität entzogen, schienen plötzlich nach und nach im Nichts zu verschwinden. Vielleicht ist es auch das Medikament Opipramol, welches ich seit Montag zwei Mal täglich einnehme. Aber das sollte laut Ärztin sehr schwach sein und erst nach einigen Wochen zur Besserung führen. Mit Sicherheit auch mein nun vehementes Entgegenwirken, um dieser Krankheit kein Terrain zu bieten. Wer mich aber länger kennt, weiß, dass diese positiven, glücklichen Phasen leider meist nur von kurzer Dauer waren und mich oft schon am folgenden Tag eine grauenvolle Depression oder eine andere Sauerei heimsuchten und das einstige, kurze Glück in einem traurigen Nachhall verstummte.

Donnerstag, 16.06.11. Um halb sieben wache ich auf. Im Fernsehen wird über „Cyberwar“ und die verheerenden Ursachen berichtet. Als wüsste ich nicht schon seit Jahren, dass Bomben und Zerstörung künftig Out sind und viel zu viel Geld verschlingen. Genervt drehe ich mich wieder um. Nein! So darf ein Morgen nicht beginnen. Wie von einer inneren Stimme getrieben, stehe ich auf, schalte den TV aus und tausche Horrormeldungen gegen heitere Musik, schwinge mich unter die Dusche und hab das überirdische Verlangen, etwas zu tun, was ich lange nicht freiwillig tat. Zugfahren. Tapetenwechsel.

Meine Laune wird immer besser und ich bin selbst etwas erstaunt, wie selbstverständlich heute alles funktioniert, ohne einen einzigen Gedanken, mein Vorhaben wegen irgendwelchen wirren Gedanken hinauszuzögern oder gänzlich zu canceln. Teilweise fühle ich mich, als wär ich gar nicht mehr ich. Ich bin weiterhin rauchfrei, bis auf vielleicht ein oder zwei Ausnahmen in den späten Abendstunden und dann rauche ich dann auf dem Balkon. Kurz nach acht verlasse ich das Haus, nachdem ich die restlichen drei Zigaretten aus der Schachtel ins Klo kippe und beschließe, erst gar keine mitzunehmen. Als würde ich es jeden Tag tun, setze ich mich in den Bus und steige am Laimer Platz in die U Bahn um. So unwohl ist mir gar nicht; die Bahn ist nicht überfüllt. Am Bahnhof wird die Situation unwohler, aber ich blende die Menschen aus und konzentriere mich auf den Fahrkartenautomaten und die Suche nach dem Gleis. Exakt, eine Minute vor Abfahrt erwische ich den Zug. Nach Rosenheim.

Eigentlich war ich nur zwei Mal in Rosenheim. Im September 2006 mit Max und danach allein aus Verzweiflung. Und nie nüchtern. Elke, die ich kürzlich kennengelernt hatte, lebt auch dort und vielleicht freut sie sich, wenn ich mich überraschend melde.

Ich finde einen Platz vor zwei Mittfünfzigern, die ihrem Gespräch nach zu urteilen das erste Mal in die Berge fahren. Auch während der Fahrt weichen die Klänge aus dem MP3 Player nicht von meinen Ohren. Ich lese in Albert Camus‘ „Weder Opfer noch Henker“ und genieße den Ausblick auf die grünen Weiden und die Alpen. Nach ca. anderthalb Stunden erreicht der Zug Rosenheim. Als ich auf dem Podium des Bahnhofsausgangs stehe, sehe ich alte Bilder vor meinen Augen. Ich sehe Max und eine Amarettoflasche in meiner Hand. Ich wische mir diese Bilder von den Augen und gehe zielstrebig Richtung Innenstadt. Als ich an einer Apotheke vorbeikomme, sehe ich wieder diese Bilder und mache Halt. Da saß ich mal, vor fünf Jahren mit meiner Flasche Amaretto, nach einem Streit mit Max. Wieder schiebe ich diese Bilder beiseite, gehe weiter und beginne zu schwitzen. Es war ungünstig, bei dieser Schwüle meine lange Hose und das ebenso schwarze Shirt zu tragen. Ich wollte sowieso ein paar Sommerklamotten kaufen und sah mich in einigen Läden um. In einem Bekleidungsgeschäft probiere ich schließlich drei verschiedene Hosengrößen, ehe sich die letzte mit Größe 46 ohne zu rutschen an meine Hüften schmiegt. Sie ist rot-weiß-grau kariert, nicht wie sonst in eintönigem schwarz oder weiß. Auch lasse ich mich von einem Verkäufer beraten, was ich die Jahre zuvor immer gemieden hatte. Als ich dann auch noch ein paar Stoffschuhe finde, bin ich zufrieden und setze meinen Stadtbummel fort. Sehr lange liegt der letzte Tag zurück, an dem ich ein so unglaublich großes Glück empfand. Und das ohne jegliche Suchtmittel, ohne Alkohol und sogar ohne eine einzige Zigarette. Dafür kaue ich Kaugummis, bis mir davon schlecht wird.

Mittags lasse ich mich in einem Park nieder, der mit sämtlichen Rosenarten und Kräutern bepflanzt ist. Ich beobachte die wenigen Menschen, die ebenso darin herumlaufen und ich fühle keinen Hass, wie ich das sonst tue. Ich lasse sie ebenso gewähren wie ich mich. Später sitze ich in der Fußgängerzone in einem italienischen Straßencafe, bestelle mir eine heiße Schokolade und einen Tomate-Mozzarella Teller, lese in meinem Buch und genieße jede Sekunde dieses Lebens, was mir sonst nahezu täglich verwehrt war. Es fühlt sich an, wie wenn ich nach zehn Jahren Knast das Leben wieder spüren darf.

Kurze Zeit später stößt Elke dazu, nachdem sie sich vergewissern musste, dass da kein Teen sitzt, sondern der andere John. Das war wirklich eine sehr lustige Begrüßung. Sie bestellt sich eine Cola und erzählt von ihrem zeitausfüllenden Tag. Elke ist zwar verabredet, freut sich aber über die Überraschung und gönnt uns anderthalb Stunden Zeit miteinander. Wir fahren zum Simssee, sitzen auf einer Bank und ratschen. Sie fragt mich, wie ich mich fühle. Ich kann mit gutem Gewissen „Bestens!“ antworten.

Später, als sie zu ihrer Verabredung fährt, setzt sie mich in Rosenheim ab und ich schlendere nochmal durch die kleinen, vertrauten Gassen und besuche ein Straßencafe, trinke Mangosaft. Ein kurzer Gewitteraschauer zieht auf; die Leute laufen schneller, stellen sich unter, verlieren sich. Ich sitze da und atme diese Mischung aus schwüler und feuchter Luft ein. Diesen Geruch von heißem, nassem Asphaltboden. Es grummelt bald von allen Seiten und es sieht nicht wirklich danach aus, als ob sich die Sonne nochmal blicken lasse. Während ich die Wolken und ihre Zugbahn betrachte, vermute ich, dass in München noch bestes Wetter herrscht und entschließe mich kurzerhand, zurück zufahren.

Und tatsächlich fährt der Regionalexpress vom Regen in die Sonne Münchens. Nein, ich mag die Stadt immer noch nicht (nicht mehr) und ich kämpfe mich durch die Menschenmassen zur U Bahn. Am Laimer Platz sehe ich in einer Boutique wieder diese abstrakte Uhr, die mir im März schon gefiel. „Irgendwann kauf ich sie mir!“ hatte ich damals gesagt. Und ich kaufe sie. Die Verkäuferin ist sehr freundlich und gibt auf meine Anfrage sogar ein paar Euro Rabatt. Frohen Mutes nehme ich den nächsten Bus und fahre nach Hause. Im Garten sitzen Klaus, Udo und Michi. Ich geselle mich etwas dazu. Ein vorbeiziehender Gewittersturm und ein Besuch von Michi und Dennis runden diesen einen glücklichsten aller Tage ab. Zufrieden schlafe ich ein und hoffe, dass dieses Glück nie enden möge.

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