Facebook – Deine Freunde und Freundesfreunde

fbfriends01Eigentlich war ich ja von Facebook schon immer so abgeneigt wie von Myspace und anderen Netzwerken. Konnte die Namen mit ihrem eigentlichen Inhalt bis vor wenigen Jahren noch nicht mal voneinander unterscheiden. Und doch ahnte ich schon, zu was das führt, bevor ich überhaupt daran dachte, mich dort zu registrieren. Aber es kam, wie es kommen muss.

Nachdem ich über ein Jahr lang meine Sichtweisen und Klageschreie einer zum Großteil unbekannten Verfolgergruppe über Twitter zugänglich gemacht hatte, wechsle ich schließlich auf das Drängen zweier Exfreunde im März 2010  zu Facebook und habe drei Freunde. in meiner Liste. Und siehe da! Sogar der nette Nachbar ist dort angemeldet und die Nachbarin… und die müssen natürlich sofort geadded werden. Da ich weiß, dass das Internet böse ist, habe ich meine Sicherheitseinstellungen von Anfang an richtig konfiguriert und kann daher auch nicht bei Google gefunden werden. Zudem führe ich mein Profil unter einem Vornamen, der seit 1997 geläufig ist, aber nicht in meinem Ausweis steht. Unter meinem Kindnamen kennt mich sowieso kaum mehr jemand, außer ehemaligen Klassenkameraden. Und die interessieren mich sowieso zum Großteil nicht im Geringsten. Bis auf wenige, besondere Ausnahmen, die es wert sind und zum Teil mittlerweile auch schon in meiner Liste aufgeführt sind.

Ein paar Tage später schon suche ich ganz aufgeregt nach noch mehr Leuten. Schließlich möchte ich doch mithalten können, meine Freunde haben schon um die vierzig und mehr. So einige bekannte Gesichter aus dem Viertel kommen hinzu und nach dem Besuch einer ungenehmigten Freiluft-Party in Gräfelfing stehen gleich zwanzig Freunde mehr in der Liste. Und ein Anwalt. Woher der mich auch immer kennt. Als dann auch ein paar gute Freunde wiederum wegen mir mitziehen, verstummt langsam das Handy. Darüber bin ich eigentlich froh und nehme es nur beiläufig wahr. Ich kann meinem Mitteilungsdrang stetig nachgehen und genieße jeden Kommentar. Sei ehrlich, das tust DU auch.

An meinem Geburtstag im Sommer besuche ich Augsburg und bekomme so viele Glückwünsche wie nie zuvor. Etwa 60 Geburtstagswünsche an der Facebook-Pinnwand und drei Postkarten im Briefkasten. Und einige Tage später kommen wieder etwa zehn neue Freunde aus Augsburg dazu. Ein Großteil davon ist heute nicht mehr in meiner Liste. Und irgendwann lese ich den ganzen Tag was die anderen tun und schreibe was ich tu. Was ich denke, fühle und was mich ankotzt. Klar, man trifft sich noch. Aber das wird weniger werden.

Nach ein paar Monaten habe ich über hundert Facebookfreunde und durch deren Freunde entdecken mich täglich und wöchentlich wieder andere. Auch Mitglieder meiner Familie stoßen schon vereinzelt dazu. Und sie lesen täglich meinen Scheiß. Und davon schreibe ich nicht wenig. Unter Alkoholeinfluss oder in starken Depressionsphasen schreibt man gerne Dinge, die man später peinlich berührt löscht. Und Menschen, die mich früher vielleicht nicht richtig kannten, lernen mich spätestens jetzt kennen. Sie lesen, was mir gefällt und über was ich mich aufregen kann. Sie sehen anhand meiner Bilder, wie ich jetzt aussehe und was ich gerne tue. Sie wüssten vermutlich auch, welchen Fetisch ich habe und welches Deo ich gerne benutze, wenn ich bei jedem Scheiß auf den Button klicken würde. Und das alles, ohne, dass man sich in 10 oder in 20 Jahren je persönlich gegenübersaß.

Anfangs nehme ich gar nicht so sehr wahr, was ich selbst schreibe, sondern eher das, was mir meine Freunde offenbaren. Einer, der möchte jeden Tag sterben und schimpft über das Leben. Der andere schimpft über die bösen Fotzen, die ihn verarschen, wieder ein anderer ist schon ewig einsam und bekundet das in seinen Profilbildern. Anfangs reagiere ich geschockt darüber und möchte helfen, ein paar Monate später, als ich schon ebensolchen Mist an der Pinnwand hatte, berührt es mich nicht mehr. Einer schreibt sogar, wenn er Pudding isst oder der andere jeden Tag, dass er in den Park geht. Das finde ich dann sehr übertrieben.

Kaum habe ich ein paar Szeneschwuchteln im Profil, weil ich mal mit einem was hatte oder ihn kenne, wollen mich hundert andere adden, von denen jeder etwa 400-500 „Freunde“ in der Liste hat. Schrecklich diese Entwicklung. Dem einen oder Anderen gebe ich schließlich nach, weil er etwa so hübsch ist, in Bayern lebt oder mir ein Treffen verspricht. Aber auch solche Versprechungen (nicht Alle!) gehen meist im Nichts unter. Im Nichts der Freundesammelmaschine. Und ich sortiere wieder aus. Man sagt nicht mehr: „Hey, es passt nicht zwischen uns.“ Man klickt auf : „Als Freund/in entfernen“ und es hat sich.

Dann gibt es auch jene, sogenannte Trolle, die unter Statusmeldungen ihren dümmsten Gedankenschiss ablassen, nur damit sie beachtet werden. Ich kenne sie persönlich zwar anders, wundere mich dann aber immer wieder über solch ein online-Verhalten. Vermutlich haben sie keine echten Freunde. Ja, auch die Narzissten kommen nicht zu kurz. Da ist der Schönling, mit dem ich einst eine kurze Affäre geführt hatte, der sehr zickig reagiert, wenn man seine neuen Bilder nicht dementsprechend kommentiert. Er teilt gerne aus, aber mag Kritik nicht anerkennen. Von ihm gibt es nicht wenige, speziell unter den schwulen „Einmalgeschichten“, die ich auch nach und nach aussortiere, weil da nichts mehr ist, irgendwann. Nur noch die oberflächliche Pinnwand und „gefällt mir“. Oder Stille. Oder „huhu“.

Irgendwann werden mir diese ganzen Spieleanfragen zu dumm und ich beginne, sie alle nach und nach zu blockieren. Später werden mir auch diese virtuellen Umarmungen, Schokoherzen und Blumen zu viel, weil ich es einfach nicht wahrhaben möchte, wie man diese Trägheit nur unterstützen kann, keine Freuden mehr persönlich weiterzureichen. Alles über Facebook. Sogar das „Anstupsen“ wird schon als eine Art Aufforderung zum Sex geahndet. Und es geht noch weiter. Die Lethargie, Faulheit und Unkreativität vieler User wird von Facebook auch noch unterstützt, indem sie gar nicht mehr kommentieren brauchen, warum ihnen ein Status oder Link gefällt, es „gefällt mir“ einfach. Sicher, ich mach das auch, einfach klicken, wenn ich grade mal nicht weiß, was ich drauf schreiben soll. Aber ob das unseren Horizont wesentlich erweitert? Ich befürchte, das Gegenteil wird der Fall sein. Ich bemerke es in meinem Blog sehr drastisch, seit ich diesen Gefällt-mir Button eingebaut habe. Man sieht zwar, wie vielen Leuten das gefällt; es sind auch bedeutend mehr Reaktionen, als die früheren Kommentare auf meine Texte, aber die persönlichen Meinungen der Leser vermisse ich trotzdem sehr. Auch wenn das Wort schon immer „geduldig“ war, so war es doch mehr Ausdruck über eine Sache, als ein Klick, eine 1 und eine 0.

Es gibt noch so eine Gruppe von Menschen, die möchten einem bestimmten „Freund“ mit ihren scheinbar allgemein gedachten, durch die Blume geschriebenen Pinnwandeinträgen gezielt und direkt ansprechen und ein damit verbundenes, schlechtes Gewissen einreden. So wie etwa: „Schlimm, dass es Menschen gibt, die auf Nachrichten gar nimmer antworten…“ Der Betroffene, sofern er etwas Geist besitzt, ahnt sofort, dass er damit gemeint ist. Aber auch zehn bis hundert andere, weniger oder unbetroffene „Freunde“. Und die fragen dann zum Teil nach was los ist oder distanzieren sich zusehends und schon ist die Intrige geboren.

Heute muss die Hausfrau nicht mehr mit dem Kinderwagen im Park sitzen, um zu erfahren, dass Frau Mustermann schon wieder schwanger ist. Sie liest es neben dem Bügeln auf Facebook. Kostet ja nichts. Eine SMS hingegen schon. Du erfährst sofort, dass sich einer Deiner Freunde neue Schuhe gekauft hat, obwohl er dir schon seit Wochen 50,00 schuldet und ja so pleite ist. Und so kommt es auch, dass wir unsere sogenannten Freunde mit dem unsinnigsten Müll und unzähligen Youtubevideos zukleistern, die im Grunde genommen kaum einen interessieren. Am schlimmsten sind ja jene, die täglich immer den gleichen Scheiß posten und auch noch selbst liken. Bei Anfängern mag ich darüber hinwegsehen; jedoch wenn der Horizont eines Menschen weit genug reicht, sollte er nach ein paar Monaten verstanden haben, dass man das nicht tut. Das ist etwa ein solcher Fauxpas, wie wenn man sich einen runterholt, sich anschließend auf die Schulter klopft und sagt: „Du Hengst!“ Es interessiert keinen, außer ein paar Voyeuren oder armen Wichsern, wenn sie Dir dabei an der Cam zusehen könnten.

Nach einiger Zeit bemerken sicher viele von uns, dass sie eigentlich viel zu viele Leute in der Liste haben, die sie gar nicht kennen oder nur einmal gesehen haben. Irgendwann stellst du auch schleichend fest, ob du nur eine Karteileiche unter deren Listen ist, oder ob sie Interesse an Deinem Leben haben. Aber wie gesagt, das betrifft eher jene, deren Horizont so weit reicht. Einige andere werden nicht mal meinen letzten Satz verstehen und liken sich weiter, wollen nie wieder von der Facebookbühne des Narzissmus herunter und schreien 549 Freunde an, warum sie so scheiße zu ihnen sind, anstatt solche Dinge untereinander und persönlich mit DEM Betroffenen zu klären. Wie ich eingangs schon erwähnt hatte, habe auch ich selbst meine Erfahrungen damit gemacht und war nie ein Engel. Aber ich habe Weisheit erlangt. Wenn ich heute depressiv bin, steht meist gar nichts mehr an meiner Pinnwand, höchstens ein Gedicht. Und trotzdem muss ich vorsichtig sein, wenn ich getrunken habe. Und das rate ich auch euch.

Nicht vergessen möchte ich auch die Unsichtbaren, Stillen, im Grunde genommen die Gruppe, die am stärksten zu beneiden wäre, von der aber nicht unbedingt am wenigsten Gefahr oder Enttäuschung ausgeht. Es gibt unzählige, verschiedene, ineinander verworrene Charaktere und sehr gute Schauspieler. Ihr dürft nie das Internet mit der Realität verwechseln.

Ab und an, vielleicht einmal im Monat, vielleicht auch wöchentlich erfährt man einen kleinen Funken von den “Stillen”. Auch darüber freut man sich. Jedoch ist diese Art von Klientel für Facebook wenig hilfreich, kaum gewinnbringend. Wenn Facebook nicht weiß, was dir gefällt, weiß es schließlich auch nicht, was es dir verkaufen kann. Und auch daran wird Facebook arbeiten und die „wenig Gewinnbringenden“ mit Bugs und Verzögerungen bestrafen. Denn Facebook ist und bleibt ja kostenlos.

Da sind die Verständnisvollen. Sie unterteilen sich in „Lange nicht gesehen“, „nie gesehen“ oder „beste Freunde“. Sie sind immer deiner Meinung und fühlen mit Dir. Vielleicht, weil sie sich in dir wiedererkennen oder einfach auf dich stehen.

Auch der Wetter-Jammer-Schorsch findet seine Plattform hier ebenso wie der naive 15jährige, der jede Woche seinen Beziehungsstatus ändert. Sogar Menschen, die jeden Tag „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ schreiben, finden sich dort. Unter den Freundesammlern, die jeden DEPPEN annehmen, weil sie denken, Facebook ist ein Lebenssport, finden sich sogar Kommentare auf solchen Trott.

Am Grauenhaftesten finde ich ja diese Kettenbriefchen, die mit den Sätzen enden: „…und wenn Du nicht feige bist, kopier das in Deinen Status!“ Das ist das krasse Gegenteil jeglicher Art von Kreativität. Warum schreibt ihr solche Texte nicht selbst und ohne die Aufforderung, ihn zu kopieren. Mit dieser Kopiererei wird die Menschheit doch SOZIAL nur noch mehr träge, als sie es schon ist! Und dann gibt es noch die Überdeppen hier, die jeden Hoax und sämtliche Kettenmeldungen mit sogenannten Virusmeldungen oder Warnungen vor Pädophilengruppen gleich an ihrer Pinnwand teilen müssen und diesen Scheiß teilweise sogar noch glauben, nachdem man sie eindringlichst aufgeklärt hat.

Natürlich gibt es auch den vernünftigen Teil, von deren Pinnwandeinträgen ich, auch wenn es wenige sind, immer mal wieder entzückt kommentiere und natürlich auch mal den „Gefällt-mir“ Button drücke. Aber alles in einem gesunden Maß und ohne die eigene Kreativität zu verlieren, einem Menschen auch mit ein paar Worten mitteilen zu können, was ich von seinem Text halte. Mark Zuckerberg bewahre uns vor dem „Gefällt-mir-nicht“ Button, vor dem Bösen, den ich als leicht naiver Neuling noch mit gefordert hatte. Ich möchte uns nicht ausmalen, zu welchen Folgen der erst führt.

Sicher hat Facebook seine guten, positiven Aspekte. Sonst stünde nicht eine so große Usergemeinde dahinter. Es bringt Menschen zusammen. Aber auch auseinander. Und ihr solltet Euch auch im Klaren sein, dass jedes einzelne Wort, das ihr hier schreibt, jeden Link, den ihr hier präsentiert und künftig auch jedes Bild, Eure Freunde und Partner, durch viele verschiedene, komplizierte Algorithmen laufen und am Ende EUCH präsentieren. Alles, was Du innerlich fühlst, denkst und wünscht, auch wenn Du es nie jemandem mitgeteilt hast, weiß Facebook, weil es Dich auswertet. Und anhand Deines unbewussten Verhaltens und Wörtern sowie Satzphrasen, die Du oft schreibst, weiß Facebook, was Du wirklich willst. Selbst, wenn Du es selbst nicht weißt. Darüber mehr, in meinem nächsten Gedankengang über die Datenmaschine Facebook.

Und vergiss niemals, solange Du Dich auf Facebook herumtreibst: Nicht was Du schreibst oder anklickst, bewegt die Welt, sondern Deine Taten!

2 thoughts on “Facebook – Deine Freunde und Freundesfreunde

  1. Pingback: Contrapunctus » Facebook und Dein bester Freund Sugar Mountain

  2. xbNz

    Dein Beitrag stößt einen an, Facebook mal wirklich kritisch zu Hinterfragen. Klar macht man sich ab und an mal Gedanken – ist es jetzt wirklich Sinnvoll diese Statusmeldung zu posten, oder sollte man es lieber lassen.

    Nicht ohne Grund war Facebook unzählige male in den Medien bzgl. des Datenschutzes etc.. Klar, jeder User legt ein Profil an, dazu eine Liste von Dingen die er “mag” und jene sachen die er sich angeguckt hat – aber nicht den “Gefällt mir”-Button gedrückt hat. Schon weiß man über diesen Menschen komplett bescheid.

    Später schließt sich Google mit Facebook zusammen, gleichen die Daten ab und der Gläserne Mensch ist geboren..

    Ich bin dann mal am Nachdenken..

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