Facebook und Dein bester Freund Sugar Mountain

fbIm letzten Artikel http://www.contrapunctus.me/?p=1285 hatte ich Euch über die Freundesammelmaschine berichtet, über meine Erfahrungen mit meinen „Freunden“ und Euch aufgezeigt, dass sich ein jeder von Euch darin wieder findet. Mindestens, meine „Freunde“ in der Facebookliste. Und heute lasse ich meinen Gedankenschwall über Deinen besten Facebookfreund „Sugar Mountain“ ab. Auch, wenn Du ihn nicht in Deiner Liste siehst; er war vom ersten Tag an Dein stetiger Begleiter und weiß immer, was Du gerade tust. Denkst. Fühlst. Verlangst. Siehst. Hörst. Wünschst. Kaufst… Ich könnte diese Phrase unendlich fortsetzen. Ja, er weiß auch bald all jene Dinge, die Du nur in Deinen heimlichen Gedanken mit Dir trägst.

Ich möchte Euch und mich nicht lange mit den Begebenheiten aufhalten, die zu Facebook führten. Ein jeder, der „The Social Network“ gesehen hat und die Zeit besitzt, das unzensierte Internet zu durchforsten, weiß aus sämtlichen Quellen, dass es so oder etwas anders dazu geführt hatte, wie es jetzt eben ist. Der junge Student Sugar Mountain hat seine Intelligenz und sein studiertes Wissen genutzt. Für eine anfangs recht unspektakuläre Sache. Und daraus ist ein derzeit 50-70 Milliarden schweres Unternehmen geworden. Mit einem steilen Wachstum nach oben, versteht sich. Und ich weise schon jetzt darauf hin, dass all meine Ansichten über Facebook aus unterschiedlichen Quellen, sowie auch aus eigenen Gedankengängen und Erfahrungen entsprangen, und somit auch nicht alle eindeutig belegbar sind. Erfahrungen und Quellen werden zu Vermutungen. Erst Forschungen liefern Ergebnisse. Und das kann Facebook. Es erforscht DICH.

Früher haben uns Straßen- oder Haustürbefragungen und Werbepost unheimlich genervt. Heute ist das nicht mehr nötig, weil Du dem Anbieter über Facebook durch das Klicken des „Gefällt mir“ Buttons schon signalisierst, dass Du von seinem Produkt überzeugt bist. Freunde von Dir sehen Deine Aktivität und werden dadurch vielleicht zu potentiellen „Neukunden“. Dein Freund muss Dich auf der Straße nicht mehr fragen, wie Dein geiler Duft heißt. Er weiß es bereits, weil Du es in Facebook angeklickt hast. Das ist das Geschäftsmodell von Facebook. Derzeit. Aber es entwickelt sich weiter zur Superlative unvorstellbaren Ausmaßes.

Wir sind ja nicht alle „Gefällt mir“ Klicker. Es gibt ja noch, wie im letzten Artikel erwähnt, die berühmten „Herzchen-Sammler“ und „virtuelle Schokolade-Verschenker“. Auch von denen profitiert Facebook, weil hinter jedem Klick eine mächtige Firma steht, die unserem besten Facebookfreund Sugar Mountain und seinen Mitbeteiligten Millionen in die Taschen spielt. Jeder Deiner Klicks auf einen Spruch oder ein Produkt ist für die Konzerne kostenlose Werbung in Deinem Namen. Und von den sogenannten Freundesammlern, die ich im letzten Text erwähnt hatte, profitiert Facebook und „Sugar“ das meiste, weil sie ihre „Werbung“ einer noch größeren Zielgruppe zugänglich machen.

Auch die unbewusste Beeinflussung seiner Mitmenschen macht sich Facebook zugute. Frau Mustermann, die ich im letzten Artikel schon erwähnte, erfährt nicht mehr von einer Freundin im Park, dass ihr das neue Top bei „Creation & Asozial“ so gut gefällt, sondern sie sieht auf Facebook, dass es auch drei anderen Freundinnen gefällt. Da beginnt der unbewusste Einfluss.

Leider wird über Facebook und seine Marktstrategie zu sehr das berichtet, was ich im letzten Absatz erklärt habe und was sowieso schon fast jeder 15jährige begreift. Über die Technologie dahinter und deren Ausmaß spricht kaum einer. Aber ich. Weder bin ich Student, noch ein recht guter Mathematiker oder Gelehrter. Aber ich besitze genug geistigen Horizont um aus 1+1 ein Ergebnis erzielen zu können, sowie man das auch aus Erfahrung, Quellen und Tatsachen tut.

Natürlich hat Dein bester Freund Sugar Mountain keine Zeit, um all Deine Statusmeldungen und Klicks zu lesen. Ich vermute, er liest nicht mal die seiner echten Freunde. Und trotzdem weiß er alles über Dich. Absolut alles. Und wenn er es heute noch nicht weiß, dann weiß er spätestens alles über Dich, wenn Du über Deine ersten grauen Haare an Deiner Pinnwand berichtest. Und selbst, wenn Du es nicht tust, werden es Deine Freunde auf Deinen Bildern irgendwann kommentieren. Oder sie erzählen es sich untereinander im Chat. Und auch, wenn Du deren Kommentare löscht; Sugar Mountain hat alle Infos noch im System und darf es laut Deiner Einverständnis in die Datenschutzerklärung auch weiterhin verwenden. Und nicht nur Deine gelöschten Kommentare, Deine gesamte Identität und Dein ICH.

Alles beginnt schon dabei, wenn Du Dich registrierst und vor Allem, das WIE. Sugar Mountain möchte Dir nicht im Vorfeld schon eindeutig klar machen, dass Du ALLES über Dich Preis gibst, wenn Du Deine Profileinstellungen nicht peinlich genau beachtest.

Regel Nr. 1: Ist Dir alles scheißegal, oder noch besser; Du bist ein Narzisst und zählst zudem noch zu den Freundesammlern, die stündlich und minütlich Anerkennung durch Kommentare und „Gefällt mir“ Klicks brauchen, dann lies hier erst gar nicht weiter, verwende möglichst Deine echte Identität und spritz ab, wenn wildfremde Menschen auf der Straße Deinen Namen rufen.

Regel Nr. 2: Möchtest Du nicht in diesem unbezahlten, milliardenschweren Werbestrom mit schwimmen und Deine eigene Identität bewahren, dann lies weiter oder lösch Dich aus Facebook. Oder hör auf Dein Gefühl und benutze es in gesundem Maß. Das machen aber leider die wenigsten.

Ich komme nun auf eine ganz andere Seite von Facebook zu sprechen. Nicht, nur, dass Du mit jedem einzelnen Wort, das Du auf Deiner Pinnwand veröffentlichst, eine gute, unbezahlte Werbefigur für Sugar und seine Investoren bist; Facebook erstellt aus den Informationen, die Du anderen zugänglich machst, Deinen „inneren“ Fingerabdruck – eine geistige DNA. Dies machen unzählige, programmierte Algorithmen möglich, die in das System eingepflanzt sind. Waren sie zuvor noch dafür gedacht, Dein Konsumverhalten zu kontrollieren, zielen sie nun auf Deine Persönlichkeit. Nach nicht mal zwei Jahren aktiver Schreiberei und Klickerei weiß das System nun, wer Du bist. Selbst jene geheimen Wünsche, Vorstellungen und Gedanken und seien sie noch so verboten, wird das System über Dich entschlüsseln.

Heute wird Dir noch die Seite „Scheiße“ empfohlen, weil sich das Wort in unzähligen Deiner Beiträge wiederfindet. Morgen weiß Facebook, in welche Behandlung Du Dich begeben musst, weil Du depressiv oder schizophren bist. Und Du gehst irgendwann hin, weil einer Deiner Facebookfreunde auch dort war und es weiter empfohlen hat. Dein bester „Freund“ Sugar Mountain sitzt in seinem lederbezogenen Stuhl und rechnet weiter. Und bald ist Dein innerstes, Deine zweite DNA geboren. Nicht etwa, weil Du ALLES über Dich an der Pinnwand schreibst. Allein Deine oft und meist benützten Wörter und Klicks, dazu zählen auch all Deine Kommentare, durch Algorithmen gedreht, verwertet, gezählt, und wieder durch mir unbekannte Programme gedrescht, spucken ein Ergebnis aus: DICH.

Ich möchte mir und uns nicht ausmalen, was geschieht, wenn es zur Fusion zwischen GOOGLE und Facebook kommen würde. Unweigerlich könnten diese Institutionen zur totalen Personenüberwachung genutzt werden. ALLES, was sie anbieten, selbst die legendäre Suchmaschine, erstellen Dein Profil. Glücklich ist, wer heute noch kein I-Phone besitzt oder Facebook nicht über Handy nutzen kann. Wer darüber glücklich sein kann, ist konsumgeil und wird auch künftig jeden Scheiß mitmachen. Ohne nachzudenken, zu was er führen könnte.

Ein Freund schrieb vor ein paar Wochen an seine Pinnwand: „Facebook fördert die Scheu vor Menschen. Zum Glück hab ich kein Internet mehr!“ Ich hab da nicht nur auf „Gefällt mir“ geklickt, sondern auch kommentiert, dass da durchaus was dran sei. Welcher von den eingefleischten Facebookern besucht denn noch seine Freunde an Regentagen? Sie hocken alle Zuhause vor ihren Laptops und beschweren sich, wie langweilig es ist, spielen Farmville, oder nerven ihre durchschnittlich 130 Freunde mit massenhaft Youtubevideos, die im Endeffekt doch kaum einer ansieht. Ein Phobiker, der sowieso schon mit seiner Umwelt zu kämpfen hat, verliert durch Facebook sehr schnell das Gefühl der Einsamkeit. Und umso einsamer er im realen Leben wird, umso mehr wird er zu erzählen, zu klicken und zu beschweren haben. All das, selbst jedes von dir geschriebene Smiley, merkt sich das System hinter Facebook. Vielleicht gehen wir Menschen irgendwann gar nicht mehr vor die Türe, weil wir doch bald alles über Facebook tun können. Nur eben virtuell. Die echten Gefühle bleiben da aber auf der Strecke und schon heute wundere ich mich manchmal, wie verschieden manche Freunde auf mich wirken. In Facebook so, privat ganz anders.

Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten: Du verkaufst Deine Seele an Facebook; warum nicht gleich dem Teufel? Wenn Du schon in dieser Sucht drin bist, wirst Du nur schwer wieder herauskommen. Es zielt doch alles darauf hin, dass eines Tages ohne Facebook gar nichts mehr läuft. Schon heute bekommt man zur Antwort, wenn man keinen Facebookaccount besitzt: „Alter.. aber sonst alles OK? Strom und Wasser haste schon?“

Grob betrachtet sieht es so aus: Du bekommst die Vorteile (Alte Freunde, Neue Freunde, Veranstaltungen, Werbung, Anerkennung, schnelle, unkomplizierte Kommunikation mit der gesamten Welt, auf Dich zugeschnittene Angebote und Unmengen mehr…), die Dir durch Facebook zuteilwerden, gratis. Und dafür verkaufst Du am Ende dieses Geschäfts Deine Seele. Ist das wirklich das, wonach wir streben?

Damit, wonach wir streben und was wir dafür bekommen, befassen sich meine Gehirnwinde im nächsten Artikel, wo Facebook nur noch eine unerhebliche Nebenrolle spielen wird.

John

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