Fünf Nächte

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240611-1526Teil I „Out of Munich“

Am Freitagmorgen des 24.06. scheint sich der Regen gelegt zu haben. Vorsichtig sehe ich aus dem Fenster und kann mich tatsächlich an den ersten Sonnenstrahlen seit Tagen erfreuen. Zuvor war es durchgehend wechselhaft, regnerisch und trüb. Ich beschließe, wieder mal eine kleine Reise zu unternehmen. Diesmal soll es Heiko treffen. Während ich im Internet Mitfahrgelegenheiten nach Kulmbach und Bayreuth auskundschafte, stelle ich fest, dass die Möglichkeiten, heute noch dort anzukommen, stündlich schwinden. Die meisten Fahrer erreicht man nicht mal mehr telefonisch.

Nur kein Stress. Ich hab Zeit. Ich räume die Wohnung auf, richte mich im Bad zurecht und finde gegen Mittag durch einen glücklichen Zufall noch einen Platz für eine Fahrt nach Bayreuth. Um 13 Uhr solle ich an der U-Bahnhaltestelle Mailingerstraße sein. Ich nehme meinen gepackten Rucksack und mache mich los. Am Sendlinger Tor muss ich in die U1 umsteigen. Während ich auf die Bahn warte, fällt mir ein paar Meter weiter in der Menschenmenge ein junger Kerl von etwa 19 Jahren auf, der unheimlich gut aussieht. Er sieht nicht nur unheimlich gut aus; er ist ein Traum. Auch er erblickt mich und kommt langsam in meine Richtung. Ich sehe mir die Veranstaltungsplakate an; er tut es auch. Im Blickwinkel sehe ich, dass er mich ansieht; ich werde tierisch nervös, lächle ihn kurz an, kann aber nicht sehen, ob er es erwidert. Die Bahn fährt ein und ich stelle mich neben die Tür. Der Junge stellt sich neben mich, obwohl Plätze frei sind. Ich mustere ihn kurz. Er erinnert mich etwas an Max, sieht aber noch viel besser aus, finde ich. Als ich auf mein Handy sehe, um die Uhrzeit zu checken, macht er das ebenso. Ist das alles nur Zufall oder möchte er mit seinem Verhalten auf sich aufmerksam machen? Ich weiß es nicht. Wenn er mich jetzt anspricht oder ich ihn, dann würde ich die Fahrt abblasen und ihm meine volle Zeit widmen. Am Stiglmaierplatz aber, werde ich jäh aus meinen Träumen gerissen, als er aussteigt. Kurz sieht er sich um und ich sehe ihm nach…

Es ist wieder windig geworden. Graue, schwere, regengetränkte Wolken eilen über die Stadt; Regentropfen im Gesicht. Ich rufe den Herrn mit dem ostdeutschen Akzent an, der nach Halle fährt. Wir finden uns schnell. Er ist ein Mittfünfziger, wirkt gebildet, spricht anfangs nicht viel. Der Regen setzt nun ein und hüllt München wieder in ein Einheitsgrau. „Nur raus aus diesem Wetter! Hoffentlich ist es im Norden wirklich so schön, wie der Wetterbericht ankündigte.“ sage ich. „Ja, das kann man schon sehen!“ erwidert er und zeigt auf den wolkenfreien Streifen im Norden. „Studieren Sie in Bayreuth?“ fragt er. „Nein, fürs studieren bin ich schon zu alt.“ antworte ich grinsend. „Ach, fürs Studieren ist man nie zu alt.“ meint er und erzählt von einem Kollegen aus Halle, der mit 37 noch sein Abitur machte, studierte und heute eine renommierte Anwaltskanzlei führt. „Davor war sein Leben ein Trümmerhaufen, glauben’se mir. Frau weg, Kinder weg, Alkoholismus.“ Ich vermeide, das Gespräch auf meinen eigenen Totalschaden zu lenken und höre ihm zu.
Hin und wieder klingelt sein Handy. Es sind Mitfahrer, die in Bayreuth auf ihn warten. Mir wird unwohl, wenn er telefoniert, denn er schafft es, sein Auto dabei mehrmals leicht aus der Spur zu bringen. Ich sehe schon das Kreuz am Straßenrand…

Nach zwei Stunden Fahrt kommen wir am Bahnhof in Bayreuth an. Er erwartet nur zehn Euro für die Fahrt. Ich bedanke mich und kaufe mir im Bahnhof Kaugummis und ein stilles Wasser mit Kirschgeschmack. Das Wetter ist auch hier nicht toll und ich ziehe meine leichte Jacke zu. Ein leichtes Déjà-vu von Frankfurt überkommt mich. Damals war das Wetter ebenso trüb; aber meine Stimmung weitestgehend gut. In der Fußgängerzone macht es mir Spaß, durch die Läden zu bummeln, ohne was zu kaufen. An einem Straßencafe mache ich Halt und trinke eine heiße Schokolade, beobachte die Menschen, die an mir vorbeigehen. Heiko erreiche ich immer noch nicht. Michi erledigt das schließlich von München aus für mich und ruft ihn auf Festnetz an. Kurze Zeit später meldet sich Heiko. „Was’n los? Is ja ne seltene Ehre, wenn Du mit mir telefonieren willst.“ meint er. „Lust auf ne kleine Autofahrt?“ frage ich. Heiko lacht. „Ich bin in Bayreuth.“ „Was? Jaja, Du in Bayreuth!“ Heiko lacht wieder. Als ich ihm dann glaubhaft vermitteln kann, dass ich wirklich in Bayreuth bin, bittet er mich um ein wenig Geduld, dann würde er mich abholen.

Wir treffen uns gegen 16.30 am Bahnhof und fahren nach Wirsberg. Heiko kauft unterwegs noch was zum Kochen ein. Abends besuchen wir Patrick, mit dem ich schon seit fast zwei Jahren mehr oder weniger in Kontakt war, aber noch nie kennen gelernt hatte. Er hat mittlerweile wieder einen festen Partner und wohnt mit ihm in Kulmbach. Es wird ein sehr schöner, unterhaltsamer Abend. Gegen halb zwei in der Nacht fahren wir wieder zurück. Heiko und ich sitzen noch bis in die Morgenstunden zusammen und wachen nach nur vier Stunden Schlaf ziemlich verschädelt auf.

Teil II – “Wirsberg” folgt…

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