O’ du schreckliche

      Keine Kommentare zu O’ du schreckliche

horror7.00 Uhr. Nach gerade mal drei bis vier Stunden Schlaf wache ich unter heftigsten Schmerzen im linken Auge auf. Die Schmerzen strahlen bis in den Hinterkopf aus und ich sehe kaum noch etwas. Ich springe aus dem Bett und will die Jalousien hochziehen. Noch ärger! Ich vertrage kein Licht. Panik. Das Auge hat gestern schon begonnen, wieder zu reizen und zu tränen. Ich vermute, dass es von der Verletzung durch die Stechpalme im August kommt. Monatelang war Ruhe; nun scheint es arg zu werden.

Ich rufe Markus, meinen Nachbarn an, bitte ihn, mich in die Klinik zu fahren. Ich hab das Gefühl, blind zu werden. Markus kann nicht fahren. Er sagt mir, dass er mir zu Weihnachten gerne das Taxigeld schenken würde. Ich lehne dankend ab, da er es momentan selbst finanziell nicht einfach hat. “Ich bekomm das schon irgendwie hin” sage ich und laufe nervös auf und ab, kann nicht fassen, dass ich immer weniger sehe. Schließlich ruft Markus im Klinikum Großhadern an. Dort wird er an die Augenklinik verwiesen. Er ruft ein Taxi, das rasch erscheint und drückt dem Fahrer 30,00 EUR in die Hand. Danke Markus…. Ohne Dein Handeln wäre ich wohl jetzt auf dem Auge blind.

Der Fahrer ist ein freundlicher Grieche. Seltsam, als ich gestern Nacht von meinem Besuch nach Hause fuhr, war der Taxifahrer auch Grieche… Er führt mich zum Taxi und fährt los. Ich weiß nicht, wo wir sind; ich erkenne nur noch schemenhaft die Umgebung, kann nicht raussehn, dann ist es, als wäre ich komplett blind. Ich halte es nur mit Sonnenbrille aus. An der Klinik in Sendling angekommen, führt mich der nette Mann zu den Ärzten. Ich mache eine vierstündige Tortour aus Warten, Untersuchungen, Behandlungen und Lasern durch.

Als der Arzt mich dann fragt, ob ich eine organische Erkrankung hätte, werde ich stutzig. Ich erzähle ihm von meinen Vorgeschichten und was sonst grade so ansteht. “Jetzt ist alles klar.” sagt er und ich bemerke, dass schon wieder ein Grieche vor mir sitzt. Er mahnt mich, dringendst die Darmsache behandeln zu lassen. Sowas geht in manchen Fällen schwerwiegend auf die Augen. Ich habe noch Glück, denn das Auge könnte bereits tot sein. Eine junge Ärztin kommt hinzu. “Sie sind noch so jung! Mit 10 cm weniger Darm, kann man leben, mit Metastasen aber nicht! Wollen sie sterben?? Jetzt reißen sie sich zusammen, das kann doch nicht wahr sein! Sie müssen erst blind werden, um zu sehen, wie krank sie sind!”

All das sagt sie vor anderen Patienten im Raum und sehr laut. Es ist mir peinlich. Aber ich kann die Menschen eh kaum sehen. Der Doc verschreibt mir 5!! verschiedene Salben und Tropfen, bittet mich, täglich zur Untersuchung zu kommen. Auf meine Frage, was mir im Extremfall blüht, antwortet er. Das kann wieder werden. Aber eine schleichende Erblindung des linken Auges kann er im Moment nicht 100%ig ausschließen. Schock. Mit diesen Worten entlässt er mich. In der Apotheke werde ich fast 30,00 EUR los. Tolles Weihnachten! Schon gestern hatte ich das dumpfe Gefühl, dass heute was Schlimmes passiert… Gebeutelt von Panik, Fassungslosigkeit und Schmerz gehe ich vorsichtig durch die Straßen. Ich erkenne nur noch den Boden bis zu 2,3 Meter vor mir.

In der Landwehrstraße finde ich endlich ein kleines kroatisches Imbisslokal. Ich gehe rein und bestelle ein Bier. Muss erstmal verdauen, was grad um mich geschieht. Ich mag das nicht glauben. Nach dem Bier und vier Zigaretten, gehe ich zu einer Trambahn Haltestelle. Ich kann nicht sehen, welche Bahn einfährt und frage einen Mann. Es ist die 18. Er nimmt mich am Arm und führt mich in die Bahn, zu einem Platz. Es ist mir fast peinlich, aber ich kann die Menschen sowieso nicht sehen. Ich sehe nur den Boden unter mir. Es ist ein Albtraum. Am Gondrellplatz angekommen, suche ich schnellstens mein Zuhause. An Kreuzungen und Ampeln habe ich Angst, die Straße zu überqueren. Endlich Zuhause. Ich muss meine Wohnung abdunkeln, hatte der Arzt gesagt. Kein Blitzlicht, kein grelles Licht.

Ja, hier sitze ich nun, mit abgedunkeltem Raum und Bildschirm, Sonnenbrille, Verband und Augenklappe. Es fühlt sich immer noch an, wie ein böser Traum… O’ du schreckliche…. Bitte bitte, lass heut noch was Positives geschehn, ich kann einfach nicht mehr…

unterschrift

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.