Selbsterkenntnisse

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in einer Hommage an Hermann Hesse.

Welt- und Selbstverachtung, skurril ineinander vermischt, war die Basis meines Pessimismus. So schonungslos und vernichtend, wie ich auch über Personen und Institutionen reden konnte; nie schloss ich mich aus – insgeheim war ich immer der erste, gegen den meine Pfeile gerichtet waren, immer war ich selbst der, den ich am Meisten hasste und verneinte.

Die wenigen Male, die man mich in Gesellschaft antraf, schien ich auffallend lebendig und verjüngt, einige Male geradezu vergnügt. Gleich darauf folgte wieder eine schwere Depression, ich blieb tagelang im Haus, ohne Essen zu begehren und Besuche zu empfangen.

Wer die anderen Tage geschmeckt hat, die bösen, die mit den Schmerzen, oder jene Tage des Seelensterbens, jene argen Tage der inneren Leere und Verzweiflung, an den uns, inmitten der zerstörten und von Aktiengesellschaften ausgesogenen Erde, die Menschenwelt und sog. Kultur in ihrem verlogenen und gemeinen blechernen Jahrmarktsglanz auf Schritt und Tritt wie ein Brechmittel entgegengrinst, konzentriert und zum Gipfel der Unleidlichkeit getrieben im eigenen kranken ICH – wer jene Höllentage geschmeckt hat, der ist mit solchen Normal- und Halbundhalbtagen zufrieden, dankbar sitzend in den Weiten des Internets, dankbar stellt er in den Nachrichten fest, dass auch heute kein Krieg ausgebrochen ist, aber wieder weitere Menschen der Schweinegrippe zum Opfer fielen, keine Diktatur errichtet, keine besonders krasse Schweinerei in Politik und Wirtschaft aufgedeckt worden ist.

Es ist zwar eine schöne Sache um die Zufriedenheit, um die Schmerzlosigkeit, um diese erträglichen, geduckten Tage, wo weder Schmerz noch Lust zu schreien wagt, wo alles nur flüstert und auf Zehen schleicht. Nur steht es mit mir leider gerade so, dass ich diese Zufriedenheit gar nicht lange gut vertrage, dass sie mir nach kurzer Dauer unausstehlich verhasst und ekelhaft wird und ich mich verzweiflungsvoll in andre Temeraturen flüchten muss, womöglich auf dem Wege der Lustgefühle, nötigenfalls aber auch auf dem Wege der Schmerzen.

Wenn ich eine Weile ohne Lust und ohne Schmerz war und die laue fade Erträglichkeit mit sog. guter Tage geatmet habe, dann wird mir in meiner kindischen Seele so windig weh und elend, dass ich die verrostete Dankbarkeitsleier, dem schläfrigen Zufriedenheitsgott ins zufriedene Gesicht kotze und lieber einen recht teuflischen Schmerz in mir brennen fühle, als diese bekömmliche Zimmertemperatur. Es brennt alsdann in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetörnte, flache, normierte und sterilisierte Leben und einer rasenden Lust, irgend etwas kaputtzuschlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathredale oder mich selbst, verwegene Dummheiten zu begehen, einen Typen zu verführen oder einigen Vertetern der bürgerlichen Weltordnung das Gesicht ins Genick zu drehen.

Meist ein unglücklicher Mensch, der mit dem Leben und sich selbst nicht zufrieden ist, konnte ich mich und auch andere Menschen unglücklich machen, nämlich wenn ich sie liebte oder sie mich.
Ich versuche, mich in der Mitte zwischen den Extremen anzusiedeln, in einer gemäßigten und bekömmlichen Zone, ohne heftige Stürme und Gewitter, und dies gelingt auch meist, jedoch auf Kosten jener Lebens- und Gefühlsintensität, die ein aufs Unbedingte und Extreme gerichtetes Leben verleiht. Intensiv leben kann man nur auf Kosten des ICHs.

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