Steppenwolf? Früher und Heute

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in einer Hommage und angelehnt an Herman Hesse’s Steppenwolf. (http://www.suhrkamp.de/)

menschen rausManchmal, ja immer häufiger sehe ich mich gern als der Steppenwolf, wie Hermann Hesse ihn in gleichnamigen Buch glanzvoll umschreibt. Aber ist der Wolf nicht ein Rudeltier, das stets mit den Anderen zieht und sich einem Alphatier unterordnet, wie dies etwa der Mensch bei seinem Sklaven, dem Hund ist? Dann bin ich garantiert kein Steppenwolf, sondern eher einer dieser dummtreuen Hunde, die ihren Besitzern regelmäßig davonlaufen. Sie können nicht mit ihm, aber auch nicht ohne ihn. Dann lebe ich in einer Welt, in die ich nicht gehöre, die mir von der Macht des Staates auferlegt worden ist.

Anstatt meine ungeliebte Persönlichkeit, die mir schon im Kindesalter aufgezwungen wurde, mit sanftesten Mitteln zu vernichten, war es mir immer nur gelungen, mir mich selbst hassen zu lehren. Gegen mich selbst, gegen so oftmals auch unschuldigen und gerechten Geist richtete ich zeitlebens das Schwert des Damokles. Denn es war mir immer wieder gelungen, mein vermeintliches Glück nur wenig später als großes Unglück anzuerkennen. Die gesamte Genialität meiner Phantasie, die volle Stärke meines Denkvermögens,  jede Schärfe, Kritik, Bosheit, jeder Hass, dessen ich fähig war, ließ ich vor Allem und zuerst auf mich los , indem ich mir meine Sinne mit Alkohol vernebelte, mir Schmerzen zufügte oder mich mit den all nur verfügbaren Substanzen dieser Welt aus dem Leben zu schießen versuchte. Wenn ich auch die schonungsloseste Gewaltphantasien gegen sämtliche Menschen und Institutionen entwickelte, so richtete sich mein Hass am Ende immer gegen mich.

Was jedoch tatsächlich die Anderen, meine Umwelt und meine geliebten Freunde betrifft, machen sie auch noch so grobe Fehler,  so unternehme ich manchmal die heldenhaftesten und  ernstesten Versuche, sie zu lieben, ihnen gerecht zu werden, ihnen nicht so weh zu tun. Denn das Lieben meines Nächsten war mir ebenso eingebläut wie das Hassen meiner selbst; und so war mein gesamtes Leben ein Beispiel dafür, dass ohne die Liebe zu mir auch die Nächstenliebe unmöglich sei, dass der Selbsthass genau dasselbe ist und dessen Ende eine genauso grausame Isoliertheit und Verzweiflung aufruft, wie der grelle Egoismus. Und das erfahre ich durch diese Menschen wieder, die mein neues ICH nicht verstehen, sie verzweifeln, sie KÖNNEN mich vielleicht nicht verstehen und projizieren mein anderes Verhalten auf sich selbst, sehen es negativ, bringen mich zur Verzweiflung.

Was sucht mein Wesen in einer Welt , von deren Zielen ich kaum eines teile, von deren Freuden keine mehr zu mir spricht?  Ich kann und möchte weder in einem Kino oder Supermarkt, noch in fremden Wohnungen  lange aushalten;  ich kann nicht verstehen, welche  Lust und Freude es ist,  die die Menschen in den überfüllten Bussen und Bahnen, in Bädern und Straßencafés mit schwülem, aufdringlichem Verkehrs- und Menschenlärm, in den angesagten Clubs und Diskotheken der eleganten Luxusstädte suchen, in den Weltausstellungen, auf den großen Sportplätzen – ich kann all diese Freuden, die mir ja unerreichbar wären und um die tausende andre sich mühen und drängen, nicht verstehen, nicht teilen. Und was hingegen mir in meinen seltnen Freudesstunden geschieht, was für mich Wonne, Erlebnis, Ekstase und Erholung ist, das kennt und sucht und liebt die Welt höchstens in Dichtungen; im Leben findet sie es verrückt. Und in der Tat, wenn die Welt recht hat, wenn diese Musik in den Bars, diese Volksfeste und Massenvergnügungen, diese amerikanischen, mit so wenigen, zufriedenen Menschen recht haben, dann habe ich Unrecht, dann bin ich verrückt, dann bin ich das in eine ihm fremde Welt verirrte Tier, das seine Heimat, Luft und Nahrung nicht mehr findet, das vom Saft dieses irdischen Lebens genug gekostet hat und nun davon nicht mehr abhängig sein will.

Es gibt und gab viele Menschen von ähnlicher Art, wie ich einer bin; viele Künstler namentlich gehören dieser Art an. Diese Menschen haben alle zwei Seelen, zwei Wesen in sich, in ihnen ist Göttliches und Teuflisches, ist mütterliches und väterliches Blut, ist Glücksfähigkeit und Leidensfähigkeit ebenso feindlich und verworren neben- und ineinander vorhanden, wie ich und ich es sind. Und diese Menschen, deren Leben ein oftmals unruhiges ist, erleben zuweilen in ihren seltenen Glücksaugenblicken so Starkes und unnennbar Schönes, der Schaum des Augenblicksglückes spritzt zuweilen so hoch und blendend über das Meer des Leides hinaus, dass dieses kurz aufleuchtende Glück ausstrahlend auch andere berührt und bezaubert. So entstehen, als kostbarer flüchtiger Glücksschaum über dem Meer des Leides, alle jene Kunstwerke, in welchen ein einzelner leidender Mensch sich für eine Stunde so hoch über sein eigenes Schicksal erhob, dass sein Glück wie ein Stern strahlt und allen denen, die es sehen, wie etwas Ewiges und wie ihr eigener Glückstraum erscheint. Alle diese Menschen, mögen ihre Taten und Werke heißen wie sie wollen, haben eigentlich überhaupt kein Leben, das heißt, ihr Leben ist kein Sein, hat keine Gestalt, sie sind nicht Helden oder Künstler oder Denker in der Art, wie andere Richter, Ärzte, Schuhmacher oder Lehrer sind, sondern ihr Leben ist eine ewige, leidvolle Bewegung und Brandung, ist unglücklich und schmerzvoll zerrissen und ist schauerlich und sinnlos, sobald man den Sinn nicht in ebenjenen seltenen Erlebnissen, Taten, Gedanken und Werken zu sehen bereit ist, die über dem Chaos eines solchen Lebens aufstrahlen. Unter den Menschen dieser Art ist der gefährliche und schreckliche Gedanke entstanden, dass vielleicht die ganze Menschheit nur ein arger Irrtum, eine heftige und missglückte Fehlgeburt der Urmutter, ein wilder, grausiger fehlgeschlagener Versuch der Natur sei.

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