Unser letzter Tag

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meteorit-munchen„Das kannst Du doch jetzt nicht machen? Wo willst Du um Gottes Willen jetzt hin?“ rufe ich hysterisch und laufe ihm durchs Treppenhaus hinterher. „Lass mich in Ruhe“ schreit Patrick zurück, ehe sich die Eingangstür schließt. Ich höre ein lautes Knallen, meine Wohnungstür war zugefallen. „Scheiße, mein Schlüssel…“ fluche ich und renne nach draußen. Der Himmel hat sich schon seit Mittag verdunkelt; es tobt ein schwerer Sturm. Ich falle beinahe über einige Äste, die im Dunkeln auf dem Weg am Haus liegen. „Patrick!“ rufe ich verzweifelt. „Bleib hier!“ Auf der Straße bleibt er plötzlich stehen und wirft mir den Ring und die Schlüssel vor die Füße. „ Du wolltest es allein mit mir erleben! Du Arschloch! Du hast wieder mit ihm gefickt!“ schreit er unter Tränen. „Patrick, das ist doch jetzt völlig unwichtig; ich liebe Dich! Bitte bleib! Wir müssen zuhause bleiben, wir haben vielleicht nicht mehr lang!“ In diesem Moment sehen wir den östlichen Himmel im völligen Dunkeln rot aufflackern. Es ist zu vermuten, dass wir etwa 14.30 Uhr haben.

Wir leben im August 201? (Jahreszahl absichtlich ausgelassen!) Wir wissen seit Tagen nicht mehr wirklich, welche Uhrzeit wir haben, weil kaum noch jemand in unserem Viertel mechanische Uhren besitzt. Der Strom ist vermutlich großflächig ausgefallen, Informationen bekommen wir nur zeitweise über alte Radios, Polizei, und THW. Die Menschen haben Angst. Darum sitzen sie über die meiste Zeit des Tages nur noch zusammen. Mit Kerzen, Öllampen, alten Radios, Batterien und Lebensmitteln. Supermärkte gibt es seit einigen Tagen nicht mehr. Nach und nach, es ging wirklich schnell, schlossen alle. Auch die Ämter, Apotheken und Verkehrsgesellschaften. Wer sich nicht vorbereiten konnte, ehe sie schlossen, wird vom Roten Kreuz, THW und Bundeswehr versorgt. Es wurde ein Ausnahmezustand verhängt. Ab 21.Uhr ist Ausgangssperre.

Vor etwa einer Woche kam die plötzliche Meldung über einen Meteoritenschauer , der sich vor einem noch viel größeren Meteoriten herschiebt und den Mond, sowie einige, bis dato noch unbekannte Ziele auf der Erde treffen wird. Da er lange hinter dem Licht der Sonne verweilte, wurde er erst so spät entdeckt. Es geschah dann auch ganz schnell. Die Meldung überschwemmte ab den frühen Morgenstunden des Dienstags die gesamte Welt und das Internet. Ich hatte nie in den Jahren zuvor so viele Facebookmeldungen an der Pinnwand gesehen. Keiner schickte mehr virtuelle Herzchen oder Spiele. Alle waren voller Angst und stellten ihre Tipps ins Internet, wie wir das womöglich überleben. In den Großstädten gibt es schwere Ausschreitungen und massive Polizeigewalt. Wir, etwas außerhalb, halten uns fern. Da ich seit Jahren schon eine Art Vorahnung hatte, war ich nach diesen Meldungen zwar anfänglich schockiert, aber handelte hernach recht schnell, gelassen und ruhig. Weil ich wusste und weiß, dass es sowieso bald vorbei sein würde.

Meine Nachbarin Theresa, 85, die das erste Haus im Viertel baute, lädt die meisten Leute aus dem Viertel zu sich. Sie kocht Essen auf ihrem Holz-Kohlenherd auf. Zunächst waren auch Patrick und ich oft mit bei ihr zu Gast, mittlerweile nicht mehr. Ich hab mich an kaltes Essen gewöhnt und bin froh, dieses Szenario nicht allein erleben zu müssen.
Aber ich bin an diesem Tag, seit dem sich alles veränderte, fremd gegangen. Und heute, hab ich es ihm gesagt. Daraufhin begann das Szenario in dieser Geschichte.

Patrick lenkt ein. Ich hebe ihn von der Straße und stütze ihn mit seinem Gepäck in Richtung Eingangstüre. Der Sturm wandelt sich in einen Orkan. Nun bekomme ich selbst Angst, obwohl ich Stürme immer liebte. Knapp an uns kracht etwas gegen den Fahrradstellplatz, was aussieht wie ein halbes Dach. Patrick schreit kurz vor der Haustür auf. Ich vermute, es ist ein Brett, was ihn am Kopf getroffen hat. Er blutet schwer am Kopf. Schnell eilen wir in meine Wohnung. Laub fliegt mir entgegen, als ich die Tür öffne. Patrick wirft sich weinend ins Bett. Ich versuche, die Balkontüre zu schließen, schaffe es kaum. Mein Verbandszeug genügt noch, um Patricks Platzwunde am Kopf zu versorgen. Ich schalte wieder das alte Kurzwellenradio ein und bekomme nach kurzer Suche eine Frequenz mit Informationen.

„…in Teilen der USA, Frankreich, Deutschland , Russland, Japan und China eingeschlagen. Die Zustände sind katastrophal. Während sich in noch unbetroffenen Metropolen Menschen auf den öffentlichen Plätzen und Straßen versammeln, um gegen die Untätigkeit der weltweiten Regierungen zu demonstrieren, sind Teile von Mexico, Russland, Japan und viele andere weitere Metropolen von der Außenwelt abgeschnitten und vermutlich komplett zerstört.“ hört man aus dem kleinen Radio…

Man erfährt von Flüchtlingsströmen aus Deutschland nach Österreich und Italien, weil der Meteoritengürtel diese Gebiete weitestgehend verschonen würde. Man hört von zerstörten Satelliten und einem teilweise weltweitem Stromausfall durch die Sonnenstürme und den schweren Unwettern, die durch die Einschläge auf dem Mond und der Erde ausgelöst wurden. Regierungen haben weltweit ihre Truppen aus anderen Gebieten abgezogen, um unnötige Kriege zu vermeiden, weil die weltweite Kommunikation zum Großteil zusammengebrochen ist. In Frankreich und Japan gab es mehrere Super-Gaus in Atomkraftwerken, die durch Meteoriten-Einschläge und Erschütterungen beschädigt wurden. Es wird von vermutlich vielen tausend Millionen Opfern weltweit gesprochen; es gibt aufgrund der zusammengebrochenen Kommunikation unter den Regierungen keinen Überblick mehr.

Plötzlich höre ich ein lautes Knacken im Radio und draußen wird alles von einem hellen Schein erstrahlt. Es wird taghell. Patrick und ich eilen zum Fenster und im gleichen Moment hören wir eine ohrenbetäubende Explosion. Der südliche Horizont taucht sich in rote Flammen. Der Sturm wird stärker, Teile fliegen durch die Luft und knallen ans Haus. Wir halten uns an der Hand. „Sterben wir jetzt?“ fragt Patrick schluchzend. „Vielleicht..“ antworte ich. „Komm, lass uns nach draußen gehen, was wollen wir noch hier drin…“ sage ich und führe Patrick aus der Tür. Wir sind die einzigen im Haus, alle haben es verlassen, um zu ihren Familien zu gehen. Auf dem Weg nach draußen, hören wir Scheppern und Klirren. Wir laufen geschützt durch meinen Mantel in Richtung Weiher und sehen unfassbar große Sternschnuppen, die allein Richtung Erde fallen. Mein Herz rast. Kurz bevor wir am Weiher ankommen, schlägt ein brennender Gesteinsbrocken in unsere Siedlung. „Ich hab so Angst!“ schluchzt Patrick. Ich kann nichts mehr für ihn tun. Wir sehen eine Art Sonne auf uns zufliegen und die Luft wird gleißend hell und heiß. „Das ist wohl der Meteorit, von dem man im Radio sprach!“ rufe ich ihm zu. Aber er hört mich nicht mehr. Ich zerre und rüttle schreiend an ihm, aber er bleibt leblos. Patrick ist tot. Sein Herz hat sich verabschiedet. Weinend sitze ich mit seinem toten Kopf auf dem Schoß im Acker und sehe, wie der brennende Meteorit mit einem unheimlichen lauten Rauschen am Horizont wieder verschwindet und sich in gleißendes Licht verwandelt. Ein Erdbeben. Es wird sekündlich stärker. Der Horizont scheint sich brennend zu erheben und über uns zu ergießen. Jetzt möchte ich nur noch sterben…

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