Willkommen im Leben

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marchenwaldHerrlich, das Starkbier. Nur etwas kühler dürfte es sein. Während ich auf der Parkbank sitze und am Joint ziehe, scheine ich beinahe einem Mann mit Kinderwagen zu übersehen, der des Weges näher kommt. Ich verstecke meine Tüte zwischen den Sitzbalken der Bank. Der gutaussehende Mittvierziger setzt sich zu mir, wippt lächelnd den Kinderwagen und für einen Moment denke ich, dass ich ihn schon mal gesehen hätte, aber bin mir zeitgleich sicher, ihm nie begegnet zu sein. Wie eine Art Déjà-vu.
„Was rauchen sie da?“ ertönt neben mir plötzlich eine laute, autoritäre Stimme und mein Déjà-vu sieht mich wütend an. „Ich? Äh…nichts?“ antworte ich etwas erstaunt. „Erzählen sie mir nichts; ich kann es doch riechen!“ Plötzlich springen vier uniformierte Polizisten aus dem Kinderwagen und richten Maschinenpistolen auf mich. Geistesgegenwärtig renne ich los. Ich renne um mein Leben und weiß nicht, warum. Ich fühle, wie die Kugeln meinen Körper durchdringen und ich werde immer schneller. Schon nach Sekunden habe ich die Autobahn erreicht und laufe jetzt schneller als die Autos fahren. Ich springe in Riesenschritten über ihre Dächer, geradezu der Sonne entgegen. Die Schüsse der Schützen sind längst verschallt, da endet die Autobahn abrupt und die Autos scheinen sich an dieser Grenze in Nichts aufzulösen.
Vor mir liegt ein Gemälde aus exotischen Bäumen und Sträuchern, Blumenwiesen und einem kleinen See. Ein kleines Brücklein führt darüber und ich möchte es begehen. Meine Laufgeschwindigkeit hat sich nach dem kuriosen Ende der Autobahn rasch wieder normalisiert und ich bin immer noch etwas verwundert darüber, wie das alles um mich geschieht. Neugierig gehe ich auf die Brücke zu und lausche an der Natur. Ein Duft von tausend nie gerochenen Blumen umströmt meine Nase. Ein warmer Wind legt sich wie eine zärtliche Umarmung um meine Schultern. Ich fühle mich seltsam glücklich.
Auf der Mitte der Brücke bleibe ich stehen und blicke in den See. Die einzelnen Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen scheinen, lassen mein Gesicht im Wasser spiegeln. Schön sieht es aus. Wie Anfang 20 und kerngesund. Unverlebt. Aber ich bemerke, dass mein Spiegelbild sich anders als ich bewegt, wild gestikuliert und wütend mit mir spricht, obgleich ich nichts hören kann. Schließlich wendet es sich mit einer abweisenden Handbewegung ab und bleibt verschwunden. Verdutzt und nachdenklich gehe ich auf der Brücke weiter und entdecke weit ab vom Weg, inmitten des tiefen Waldes ein kleines Häuschen. Neugierig gehe ich darauf zu und habe mein zeterndes Spiegelbild wieder vergessen. Während ich mich durch das Dickicht kämpfe und rückwärts blicke, fällt mir auf, dass hinter mir alles verschwindet. Das Brücklein, der See, die Blumen. Ein dunkler, nie enden mögender Wald liegt hinter mir.
An der von Spinnen verwebten Holztür des Häuschens ist ein kleines Schild angebracht; darauf steht geschrieben: „Herzlich Willkommen im Leben“ Und darunter steht in kleinen Lettern: „Wenn Du weitergehst, wirst Du aus diesem Wald nie zurückkehren.“ Was für ein unsäglicher Blödsinn! Denke ich und drücke gegen die Türklinke. Sie bleibt verschlossen. Auf dem Fensterbrett neben der Tür steht die einzige Blume in diesem plötzlich finster und kühl verwandelten Wald in einem kleinen Tontöpfchen. Ich hebe es an und finde darunter einen alten, verrosteten Schlüssel. Mit einigen Mühen lässt sich das Schloss öffnen und ich trete ein. Musik von Bach ertönt. Das Innere der Behausung ist spartanisch eingerichtet. In flackerndem Kerzenschein erkenne ich ein altes Feldbett mit Nachttisch, ein wuchtiger Kleiderschrank mit zwei großen Türen, eine hübsche Kommode, auf der ein Grammophon steht und ein Tisch an dem ein älterer Herr mit zerzaustem, grauen Haar sitzt. Ich trete näher und erkenne Johann Sebastian Bach. Mürrisch erhebt er sich von seinen Notenblättern, geht an den Kleiderschrank, setzt eine weiße Lockenperücke auf und mustert mich mit bitterer Miene. „Können sie nicht Guten Tag sagen, sie undankbarer Mensch, sie?!“ raunt er mit erzürnter Stimme. „Verzeihen sie. Guten Tag Herr Bach. Ich bin recht überrascht, sie hier zu treffen. Ich mag ihre Musik sehr. Ich…“ Ach schweigen sie, sie Dilettant! Gehen sie! Lassen sie mir meinen Frieden und gehen sie!“ unterbricht er mich. „Aber an der Tür stand doch…“ stottere ich. „An der Tür… an der Tür! Mensch, glauben sie eigentlich alles, was sie irgendwo lesen? Das Leben ist dort!“ sagt er und deutet auf den Kleiderschrank. „Dort drin?“ frage ich verdutzt. „Gehen sie endlich, John!“

Während Bach sich schnaufend wieder über seine Notenblätter beugt und ich mich frage, woher er meinen Namen kennt, öffne ich die knarrenden Türen des Kleiderschranks und gehe durch einen schmalen, dunklen Gang mit Fackeln an den Wänden. Ich höre Gelächter und Schritte hinter mir. Es kommt näher. Mein Herz rast. Ich laufe schneller. Sie holen mich bald ein. Schon spüre ich die ersten Hiebe von Peitschen und Ketten auf meinem nackten Rücken. Ich bin nackt! Hässliche, kleine Teufelsfratzen rennen hinter und neben mir her. Lachen mich schallend aus, treten mich, schlagen mich, nagen an meinem nackten Körper. Unter schlimmsten Schmerzen erreiche ich eine Tür und schlage sie hinter mir zu. Die Fratzenstimmen und die ohrenbetäubenden Kettengeräusche verstummen.
Ich stehe in einem Raum ohne Fenster und mit nur der einen Tür, durch die ich gekommen bin. Ein Zurück ist nicht möglich. Verzweifelt sinke ich auf den Boden und wünsche, dass das alles aufhört. Ich möchte zurück zu Bier und Parkbank. Zurück dahin, wo vor wenigen Stunden alles begann und unwirklich wurde. Aber hinter der Tür, durch die ich gekommen war, lauern die Fratzen, womöglich der Tod? Plötzlich beginnt der Boden unter mir zu brennen und erfüllt den Raum in ein gleißendes Licht. Ich erlebe die schlimmsten Schmerzen meines Lebens, sehe im Sekundentakt schmerzende Bilder aus meinem Leben vor mir aufflackern und leide. Da erkenne ich eine Leiter aus Metall, die nach oben zu einem Ausgang führt. Sie glüht. Als ich sie anfasse, verbrenne ich mir die Hände. „Komm!“ ruft eine Stimme von oben. Sie kommt mir bekannt vor. Ich sehe eine ausgestreckte Hand am Ausgang, der sich etwa zehn Meter über mir befindet.“Ich kann nicht! Die Leiter glüht! Ich verbrenne mir die Hände!“ rufe ich der Stimme zu, während meine Beine gebraten werden. „Du willst nicht!“ ruft die Stimme zurück. „Du kannst auch durch die Tür zurück oder hier unten langsam und qualvoll verbrennen!“ „Woher weiß ich, dass du ehrlich bist!? Frage ich. Plötzlich verwandelt sich die strenge Männerstimme in die Stimme meiner verstorbenen Mutter. „Du hast nur diese Möglichkeit, mein Kind! Du weißt, was Dich erwartet, wenn Du zurückgehst oder da unten verharrst. Eine jede Mutter liebt ihr Kind, auch wenn es oft nicht so scheinen mag.“ Sie klingt plötzlich so liebevoll und vertraut. Schließlich nehme ich all meinen Mut zusammen, umfasse die glühenden Metallstreben und steige vollen Schmerzes hinauf. Griff für Griff schreie ich auf vor Schmerz und der Weg nach oben wird immer länger. Die Eisenstangen kühlen sich auf dem Weg nach oben sehr rasch ab und nach Stunden einer Albtraumkletterei erreiche ich endlich die helfende Hand, die mich den letzten freien Meter nach oben zieht.

Als ich vor meinem Retter stehe, erkenne ich den Mann mit dem Kinderwagen wieder vor mir. Wir stehen an der Parkbank, wo alles begann. Aber alles fühlt sich anders an, als je zuvor. „Wer bist du?“ frage ich den Mann, der mir immer noch so seltsam bekannt vorkommt. „Ich bin John. Willkommen im Leben!“ sagt er, gibt mir freundlich die Hand und geht mit seinem Kinderwagen davon. Verdutzt stehe ich da und sehe ihm nach, bis er schließlich in der untergehenden Sonne verschwindet.

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